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Alles zu seiner Zeit:Erst feiern, dann fasten

Wenn am Aschermittwoch die Faschingssaison mit dem Kehraus endet, beginnt die österliche Bußzeit. Parteien gehen dann mit ihren politischen Gegnern ins Gericht - doch in Geretsried fällt die CSU-Veranstaltung aus.

Von Julian Erbersdobler

Einen Tag vor seiner "Beerdigung" hat sich Sascha Kaußen schick gemacht. Der Prinz der Narreninsel trägt einen schwarzen Anzug, dazu die hellgrüne Krawatte um den Hals und die glänzenden Lackschuhe an den Füßen. Der Besuch in der SZ-Redaktion am Untermarkt ist einer seiner letzten Auftritte. Noch am Dienstagabend muss er sein Zepter abgeben. Dann feiert die Wolfratshauser Faschingsgesellschaft Narreninsel ihren Kehraus in einem Restaurant in Farchet. Und damit auch das Ende der Faschingszeit. "Ich darf vorher nicht erfahren, wie die Beerdigung abläuft", sagt Sascha Kaußen, der in der Gastronomie arbeitet. "Das ist jedes Jahr eine Überraschung".

Der 25-jährige gebürtige Aachener wohnt erst seit Ende 2013 in Wolfratshausen. Seine Prinzessin Melanie Hurler, Diadem, grünes Kleid und Blazer, kommt aus Dietramszell. Sie hat vor der Proklamation im November nach einem Prinzen gesucht und Sascha Kaußen gefunden. Hurler hat schon als kleines Mädchen Erfahrung im Rampenlicht gesammelt: Die Mutter von zwei Kindern war 1998 Kinderprinzessin. Sie weiß genau, wie sich Sélina Déborah Altfeld fühlt, als ihr Prinz Maximilian Grasberger, 13, zur Hebefigur beim traditionellen Walzer ansetzt. Er wohnt in Gelting, sie kommt aus Königsdorf.

Fasching  2018

Nach dem traditionellen Walzer ließen sich Melanie Hurler und Sascha Kaußen gebührend feiern. Das große Prinzenpaar kam gemeinsam mit einigen Gardenmitgliedern der Wolfratshauser Narreninsel in die SZ-Redaktion, um ihr Können zu zeigen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Das kleine und große Prinzenpaar haben ein straffes Programm hinter sich: Seit der Krönung Anfang Januar sind sie gut 50 Mal aufgetreten. "Man verbringt sehr viel Zeit im Auto", erzählt Sascha Kaußen nach dem Tanz mit seiner Melanie. Das Wichtigste sei aber, dass man Spaß an der Sache habe, sagt er. "Besonders schön fand ich den Krönungsball direkt am Anfang. Das war der erste Tag offiziell in den Kostümen." Dass die Saison jetzt zu Ende gehe, könne er gut verkraften. Kaußen hat während des Faschings mehr als 35 Prinzenorden gesammelt. Erinnerungen an eine Zeit, die mit dem Kehraus zu Ende geht, spätestens am Aschermittwoch.

Fasching  2018

Zum Einsatz kam auch das kleine Prinzenpaar des Faschingsvereins. Ganz in Weiß tanzten Sélina Déborah Altfeld und Maximilian Grasberger.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der Tag, an dem das närrische Treiben vorbei ist, markiert zugleich den Beginn der 40-tägigen christlichen Fastenzeit bis Ostern. In der Aschermittwochsmesse bekommen katholische Gläubige ein Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet. Das soll sie an die Vergänglichkeit des Lebens erinnern: "Bedenke Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst", sagt der Pfarrer dazu. Nach dem sündigen Fasching sollen sich die Menschen bewusst machen, dass sie jederzeit sterben können und sich vor Gott verantworten müssen. Seit dem fünften Jahrhundert rückte das Fasten während der Vorbereitung auf Ostern in den Mittelpunkt. Da an Sonntagen nicht gefastet werden sollte und sie deshalb nicht als Fastentage gelten, wurde der Beginn vermutlich im sechsten oder siebten Jahrhundert vom sechsten Sonntag vor Ostern auf den vorhergehenden Mittwoch, den Aschermittwoch, vorverlegt. 40 Tage deshalb, weil in der Bibel steht, dass Jesus so lange in der Wüste gefastet hat.

Der Aschermittwoch ist aber nicht nur für Gläubige ein wichtiger Tag ist, sondern längst auch bei Politikern und Parteien. Der Kreisverband der Grünen lädt zum Fischessen ins Klosterbräustüberl nach Schäftlarn ein. Die Kreis-SPD in die Reindl-schmiede nach Bad Heilbrunn - allerdings erst am Donnerstag. In Geretsried gibt es in diesem Jahr zum ersten Mal keine Veranstaltung des CSU-Ortsverbandes. In den vergangen Jahren sei das Interesse immer weiter gesunken, sagt Gerhard Meinl. Er hat den politischen Aschermittwoch als damaliger Ortschef in den 1980er Jahren ins Leben gerufen. "Früher waren bei den Veranstaltungen um die 300 Menschen da - mit Blasmusik und allem, was dazugehört." Am besten, sagt er, könne er sich an den Abend mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Lothar Späth, erinnern, der 2016 verstarb.

"Dass es in diesem Jahr keinen politischen Aschermittwoch der CSU in Geretsried gibt, liegt am Wandel der Zeit", so Meinl. Man müsse sich ein neues Format ausdenken, um wieder mehr Leute anzuziehen. Dass es ein grundsätzliches Interesse an Politik gebe, zeige sich bei den CSU-Stammtischen. Diese kämen schließlich seit etwa 40 Jahren an. "Immer wenn die Menschen die Möglichkeit haben, sich zu beteiligen, wird es lebhaft." In Zeiten einer Flut an politischen Talk-Shows sei Frontalunterricht eines Redners nicht mehr zeitgemäß, sagt der Stadtrat. "Früher hat man sich noch vor den Fernseher gesetzt und Bundestagsdebatten angeschaut." Das sei heute auch nicht mehr der Fall. Im vergangenen Jahr kamen nur etwa 20 Besucher zum politischen Aschermittwoch der Geretsrieder CSU. Zu Gast war der ehemalige Stadtrat Dominik Lamminger.

© SZ vom 14.02.2018
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