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Friseurgeschäfte in München:Salon-Gespräche

Lippert's Friseure

Freundinnen, Autos, Aktien: Männer und Frauen diskutieren während des Haarschnitts ganz unterschiedlich.

(Foto: Lukas Barth)

Die einen kredenzen Champagner und handgeschöpfte Pralinen, bei den anderen müssen die Kunden eine Nummer ziehen. Münchens Friseure sind höchst unterschiedlich - und wissen viel über die Stadt.

Von Tanja Schwarzenbach

Das, was die Kunden nicht zu Gesicht bekommen, ist bei den meisten Friseuren ähnlich trist: das Kämmerchen für die Mitarbeiter. Dort wird geraucht, im Regal stehen die Farbtuben, in der Spüle stapeln sich die Kaffeebecher. Bei der Gestaltung des Salons allerdings herrscht erbitterter Wettbewerb. Hier geht es um das Image, die Positionierung auf dem Markt, denn die Stadt München ist ein hartes Pflaster für Friseure: Knapp 1500 Betriebe buhlen um Kundschaft.

Jeans Blonde oder doch lieber Strawberry Cool?

Da hilft es, sich abzuheben. Die Friseurkette Paradiso etwa setzt auf Niedrigpreise: neun Euro für Herren, ab 13 Euro für Damen. Das wirkt. Am Wochenende ist die lange Wartebank im Schaufenster an der Belgradstraße bis auf den letzten Platz besetzt. Die Konkurrenz von C&M hat ein Nummernsystem eingeführt, wie das Kreisverwaltungsreferat - jeder Kunde zieht eine Nummer, kann dann aber shoppen gehen, bis er an der Reihe ist. Bei "Be Blonde" wiederum hat man sich auf eine Haarfarbe spezialisiert - wie wäre es zum Beispiel mit Jeans Blonde oder, gerade en vogue, Strawberry Cool?

Und dann gibt es in München natürlich auch noch die Gattung des "Promi-Friseurs". Lippert's-Friseure zum Beispiel. Dort gibt man sich edel: eine beneidenswerte Lage am Lenbachplatz, 40 angestellte Friseure, alle mit Meistertitel, alle mit überdurchschnittlichem Friseureinkommen, wie man bei Lippert's versichert, und technischer Schnickschnack wie Flachbildschirme, auf denen Modenschauen zu sehen sind, oder iPads für die Kunden.

Wo "Super-VIPs" frisiert werden

Bei Lippert's würde kein Angestellter mit herauswachsenden Strähnen und Pferdeschwanz herumlaufen. Man trägt hier Schuhe ohne Socken, hochgekrempelte Hose, Baseballcap und Tattoos. Am Ausgang werden die Kunden persönlich verabschiedet, mit Handschlag natürlich und auch mal mit Bussi hier und Bussi dort. Ist man Lippert's-Friseur, redet sich Wolfgang Lippert in Fahrt, ist man jemand in dieser Stadt. Da könne man sich im P1 blicken lassen!

Man wirft hier ganz gerne mit Superlativen um sich und deshalb kommen nicht einfach VIPs in den Laden, sondern "Super-VIPs". Auf die Frage, was das sein soll, oder besser: wer, bekommt man eine sehr ernst gemeinte Antwort: "Paris Hilton oder Verona Pooth". Für besonders wichtige Kunden gibt es einen eigenen Raum, mit dem Aufzug aus der Tiefgarage direkt erreichbar.

Paradiso Friseure

Die Friseurkette Paradiso wirbt mit günstigen Preisen. Neun Euro kostet hier der Männerhaarschnitt.

(Foto: Lukas Barth)

Was Frauen wollen - und was Männer

Bei Alice Albasan, Friseurin im Paradiso, sitzen freundliche Omas mit Lockenwicklern auf den Kundenstühlen. Es gibt keinen Cappuccino und auch keine handgeschöpfte Praline, keinen "Gugel", wie man die Mini-Gugelhupfs bei Lippert's bezeichnet. Es werden auch keine Energydrinks, Prosecco oder Champagner serviert. Nein, hier gibt es Wasser, Tee oder eine Tasse Filterkaffee und auch mal eine Blume, wenn eine der älteren Damen Geburtstag hat.

Im Paradiso immerhin hat man den Salon vor einigen Jahren ausgebaut. Auf Wunsch der Frauen trennen nun ein paar Treppenstufen die weibliche Kundschaft von der männlichen, denn die Frauen fühlten sich von den Männern beäugt, und welche Frau will das schon, wenn sie Alufolie im Haar hängen hat, aus der manche Friseure auch noch eine Art Hut mit Krempe formen.

Sehr lange könnte ein Mann im Paradiso eine Frau aber ohnehin nicht anstarren, denn es dauert nur etwa 15 bis 20 Minuten, bis die Herren den Salon wieder verlassen: Kamm, Schere, Rasierer, einmal mit dem Fön über Haarschopf und Umhang gepustet - fertig ist die Traumfrisur. Die Ansprüche sind hier vergleichsweise schlicht. Zum Beispiel der Herr in Radsportkleidung. Er hat gerade bezahlt und ist rundum zufrieden mit seinem neuen Haarschnitt, denn: Die Haare sind nicht zu lang, sonst würden sie in die Augen fallen, und nicht zu kurz, sonst wäre es kalt auf dem Kopf - beides würde beim Radfahren stören.

"Keine Stadt ist so blond wie München"

Lippert's Friseure

Fünf rote Köpfe in zwölf Jahren: Blond ist Muss in München.

(Foto: Lukas Barth)

Oder der Kunde auf der Wartebank: "Ich lasse mir immer von dem Mann in der Ecke die Haare schneiden und sage nur: wie immer". Die Schwabingerin neben ihm sieht den Gang zum Friseur pragmatisch. Seit einigen Jahren schon ist sie Stammkundin im Paradiso: "Das ist wie mit dem Zahnarzt. Wenn man zufrieden ist, bleibt man dabei. Außerdem ist der Preis nicht so hoch und ich bekomme das, was ich möchte." Haare färben, das mache sie daheim.

Wer es beim Friseur machen will, der muss viel Geld und Zeit mitbringen. Haareschneiden und Strähnen auf dem ganzen Kopf, das bedeutet, bis zu 3,5 Stunden sitzen zu müssen. Da klingt es fast schon wie eine Drohung, wenn Alexander Voit, Stylist bei Lippert's, sagt: "Wir hören erst auf, wenn wir zufrieden sind!" Keine Stadt, sagt Voit, sei so blond wie diese. In zwölf Jahren habe er höchstens fünf Köpfe rot gefärbt. Lange Haare, leichte Stufen, blonde Strähnen - danach verlangten die Kundinnen.

Worüber es sich beim Friseur am besten plaudert

Die Deutschen, weiß Voit aus Erfahrung, seien verschlossener als etwa die Amerikaner und würden die Kontrolle nicht gerne aus der Hand geben. Meist bekommen die Münchnerinnen also, was sie gerne hätten. Und damit beginnt das lange Warten auf die Haarfarbe. Was tun, um sich die Zeit zu vertreiben? In der Gala und Bunten blättern, zum x-ten Mal die E-Mails auf dem Smartphone checken? Oder man unterhält sich mit dem Friseur.

Aber worüber? Fragt man die Kunden, bieten sich folgende Gesprächsthemen an: der eben gelesene Klatsch, die Haare, der Baucontainer vor dem Schaufenster (korrespondiert mit dem Vorschlag eines Friseurs, über das zu reden, was auf der Straße so los ist) oder auch der Urlaub. Die Gespräche unter Männern sind offenbar ein Sonderfall. Benny Kienle von Be Blonde sagt, dass das Verhältnis zwischen Friseur und männlichen Kunden viel freundschaftlicher sei. Männer seien offener und treuer. Deshalb spricht man dann über - und das bestätigen auch die anderen Friseure: Ehefrauen, Freundinnen, Autos, Aktien.

Seine Geschäftspartnerin Angelika Seuffert räumt ein, dass die Kunden natürlich sehr verschieden seien. Nicht alle möchten sich unterhalten. Sie habe zum Beispiel Kundinnen, die seit Jahren zu ihr kämen und von denen sie gerade mal den Namen kenne - und solche, die erst seit ein paar Monaten bei ihr seien und von denen sie alles wisse. Was ihr gar nicht passe, sagt Angelika Seuffert, sei, wenn eine Kundin etwas Dramatisches erzähle und sich dann nicht mehr bei ihr blicken lasse. "Ich will die Fortsetzung hören!"

Warum Friseur-Hopping immer beliebter wird

Das aber ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr. Das Friseur-Hopping ist nicht unüblich - sei es, weil man sofort einen Termin möchte oder zu einer Uhrzeit, die der eigene Friseur nicht anbietet. Vor allem junge Menschen, sagt Benny Kienle, wechselten häufiger den Salon. Auch die Abstände zwischen den Friseurbesuchen werden größer. Das spart Geld, denn die Langzeitsitzung beim Friseur kann durchaus zwischen 200 und 300 Euro kosten.

Und wenn man zu Lippert's geht, noch ein bisschen mehr. Denn dort sind die Angestellten ein superlatives Trinkgeld gewohnt: etwa 1000 Euro im Monat. Davon können die Mitarbeiter der anderen Salons nur träumen. Ein bis zwei Euro pro Kunde bekommt ein Friseur bei Paradiso. Oder auch nichts. Dafür gibt's dann auch kein Bussi.

© SZ vom 05.05.2015/libo

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