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"Wahlkampf absurd":Irgendwas mit aus

Mit ihrer Forderung zur raschen Abschaltung des Heizkraftwerks Nord ist die Linke wohl etwas über das Ziel hinausgeschossen.

(Foto: Melanie Staudinger)

Die Wahlplakate der Linken experimentieren mit Partizipien

Dick aufzutragen gehört zum Wahlkampf wie 234 Plakate an jeder Straßenkreuzung. Manchmal geht aber das Maß verloren, und das an sich honorige Wahlziel verliert sich in der Übertreibung. Ein Plakat der Linken zeigt zum Beispiel eine Nahaufnahme von drei Kraftwerksschloten, die weißen Rauch in den blauen Himmel jagen. "München weiss-blau?" wird in dicken Lettern gefragt. Darunter auf alarmrotem Untergrund: "ausgekohlt". Klar, denkt man, hier werden klassische Münchner Fragen aufgerissen: Was bedeutet das Ende der Kohlezeit für die zahlreichen Kumpels in der Region, die ihr Geld unter Tage verdienen? Was machen die ewiggestrigen Stadtwerke mit ihrer Flotte an Stinker-Kraftwerken, die täglich Gebäude und Menschen mit einer dicken Rußschicht überziehen?

Ausgekohlt, damit will die Linke den Wählern klar machen, dass sie an der Drosselung und der früheren Abschaltung des Steinkohleblocks im Heizkraftwerk Nord beteiligt war. Und dass sie diesen noch schneller stilllegen will als geplant. Alles politisch ehrenwert, allerdings muss man sagen: Der Kohleblock ist der einzige in München, gehört zu den saubersten seiner Art in Deutschland und fährt die kommenden Jahre ohnehin im niedrigsten Modus, den die Technik derzeit zulässt. Das mit brachialer Gewalt an Worten gebildete Partizip "ausgekohlt" macht sich aber nicht nur der Übertreibung, sondern auch der Übersättigung schuldig. Die Linke hat ihre Kampagne an den Slogans der Demonstrationen "ausgehetzt" und "ausspekuliert" angelehnt. Was bei "ausgeblendet" (die Armen) und "ausgespart" (die Pflege) noch einigermaßen funktioniert, wirkt in der Summe und gerade bei "ausgekohlt" schon sehr gezwungen. Oder, um es auf linkisch auszudrücken: "ausgelutscht".

© SZ vom 24.02.2020
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