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Vorschlag-Hammer:Wenn alle Zwänge fallen

Das verflixte Virus hat die Kunstszene hart getroffen. Aber die improvisierte Planung hat immer wieder auch für ästhetische Überraschungen gesorgt

Kolumne von Rita Argauer

Weltuntergangsstimmung liegt derzeit in der Luft. Besonders, wenn man es eigentlich durchaus auch genießt, Musik, Tanz, Theater oder Oper ab und an live zu erleben. Etwa weil man daran glaubt, dass es etwas bewegt im Menschen und in der Gesellschaft, wenn so etwas regelmäßig live zur Aufführung kommt. Als gemeinsame ästhetische Erfahrung. Vor einem Publikum, dass zumindest in den großen Häusern mehr sein darf als 50 Menschen auf 50 ausgelosten Plätzen. Sonst verflüchtigt sich das mit der Gemeinsamkeit, die ja in diesem Jahr gesellschaftlich und privat sowieso ein rares Gut ist. Aber man konnte das Gemeinsame wenigstens zuletzt in den Theatern mit ihren erwiesen funktionierenden Hygienekonzepten erspüren. Alles wieder dahin jetzt, angesichts neuer Beschränkungen.

Aber wenn man an diesem verflixten Virus irgendetwas finden will, was vielleicht ganz ok ist, damit man sich nicht gleich völlig vergraben muss, dann, dass die an die Pandemie-Bedingungen angeglichenen Konzerte und Aufführungen sich ein bisschen lockern mussten. In manchen Kulturbereichen ist das mit der Kunstplanung ja sonst schon sehr festgefahren. Trotz zwei- bis dreijähriger Planung im Voraus blieb das Ergebnis in Prä-Virus-Zeiten oft erstaunlich vorhersehbar. Die Dramaturgien klassischer Orchesterkonzerte folgten einem oft leicht zu erratenden Schema von zwei Stunden mit Ouvertüre-Stück, Solokonzert und Symphonie am Ende, inklusive Pause. Solche Dinge wurden nun zwangsläufig aufgeschüttelt. Programme, begrenzt in Zeit und Ort, mussten aufs Wesentliche konzentriert werden. Eine Starpianistin oder ein Geigenvirtuose, die eh nicht anreisen dürfen, können nicht mehr als Publikumsmagnet herhalten, man muss sich anderes überlegen.

Da entstanden schöne Sachen: Etwa eine formidable Reihe des Münchener Kammerorchesters in der Himmelfahrtskirche in Sendling. Oder ein großartig musizierter "Schwanensee" unter Tom Seligman beim Bayerischen Staatsballett. Warum so großartig? Vermutlich auch, weil das Staatsorchester nicht mehr im engen Graben saß, sondern in aller Luftigkeit sichtbar für Publikum vor der Bühne spielte. Wenn ein Zwang wie der, die Corona-Regeln einzuhalten, so stark wird, fallen alle anderen Zwänge - sei es die obligate Pause mit Pausengastronomie oder einfach nur die Routine.

So übernimmt etwa der erst 24-jährige Finne Klaus Mäkelä die Leitung beim Konzert des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit Igor Levit am Donnerstag, 29., und Freitag, 30. Oktober, im Herkulessaal - und ersetzt den ungleich etablierteren Yannick Nézet-Séguin, der aufgrund der Bestimmungen nicht ausreisen darf. Auf dem Programm stehen Strawinsky, Bartók und Mozarts "Jenamy"-Konzert. Noch jünger ist der 16-jährige Maximilian Haberstock, der als Benefiz zugunsten des Zeltschule-Vereins, der die Schulbildung von Flüchtlingskindern fördert, am Sonntag, 1. November, das "Arcis Kammerorchester" mit dem 18-jährigen Geiger Tassilo Probst im Utopia (Ex-Reithalle) dirigiert. Ebenfalls mit einem Mozart-Programm. Beinahe nebenan ist das Schwere Reiter, dort war auch als noch kein Virus-Zwang herrschte das Programm unkonventionell. Von Donnerstag, 29., bis Samstag, 31. Oktober, findet dort die Aufführung von Stephan Herwigs Tanzstück "In Feldern" statt. Bisher höchst puristisch arbeitete der 2018 mit dem Tanzförderpreis der Stadt München ausgezeichnete Tänzer und Choreograf dafür erstmals mit einer Bühnenbildnerin zusammen.

© SZ vom 29.10.2020
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