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Vorschlag-Hammer:Lichter in trüben Zeiten

29 Maler, Bildhauer und Grafiker traten bei der ersten deutschen Kunstausstellung in Bayern nach Ende des Naziregimes am 5. August 1945 wieder ins Licht der Öffentlichkeit. In Prien versucht nun eine Schau an die Aufbruchseuphorie von damals zu erinnern. Ihr Name? "Licht"

Kolumne von Sabine Reithmaier

Prien fing die von allen Seiten heranrollenden Lastautos auf, der Menschenstrom flutete zum alten Amtsgericht. Das weiße Haus trug nichts als ein Transparent: Kunstausstellung - Art Exhibition. Die erste deutsche Kunstausstellung auf bayerischem Boden seit dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus wurde in einem Rahmen eröffnet, dessen Einfachheit und Unbetontheit gerade den Inhalt klar herausstellte: Qualität, Echtheit, künstlerische Wahrheit ..." Der Journalistenkollege, der am 5. August 1945 die Eröffnung der ersten freien Kunstausstellung in Bayern nach Ende des Zweiten Weltkrieges miterlebte, war richtig begeistert. Absolut verständlich, traten doch 29 Maler, Bildhauer und Grafiker, darunter Rupprecht Geiger und Fritz Harnest, nach Jahren der Diskriminierung endlich wieder ins Licht der Öffentlichkeit.

Licht nennt sich daher die Ausstellung, mit der die Priener an diese spektakuläre Schau erinnern und versuchen, die Aufbruchseuphorie noch einmal spürbar werden zu lassen. Viele der verfemten Künstler hatten sich an den Chiemsee geflüchtet, um den Auseinandersetzungen mit den Nationalsozialisten zu entgehen. Manche der im Krieg entstandenen Bilder dokumentieren die schmerzhafte Auseinandersetzung mit dem Erlebten. Da die erste Ausstellung auch eine Initialzündung für die Künstlerlandschaft Chiemsee war, geht es in Licht auch um die nachfolgenden Malergenerationen. Mit Malerei, Druckgrafik, Fotografie und Skulpturen aus 75 Jahren zeigt die Schau die Entwicklung der bildenden Kunst am Chiemsee auf (Galerie im Alten Rathaus, Prien, 17.10. bis 31.1.). Und wahrscheinlich ist es empfehlenswert, nicht mit dem Lastwagen zu kommen.

Letzteres gilt auch für Besucher des fränkischen Miltenberg. Dort bespielt gerade der Nürnberger Künstler Norbert Nolte mit Collagen, Objekten und Raumarbeiten die zwei Museen der Stadt: Unter dem Titel Voglio vedere - ich will sehen im Museum auf der Burg und als Zeitfluss im Stadtmuseum am Marktplatz. Nolte ist Spezialist dafür, Räume respektvoll zu besetzen. Er knüpft anspielungsreiche Verbindungen zwischen vorgefundenen Exponaten und seinen Arbeiten, inszeniert und zitiert gern. "Voglio vedere" versteht er als Verweis auf den italienischen Maler Giovanni Segantini, dessen letzte Worte angeblich "Ich will meine Berge sehen" lauteten, weshalb Nolte hoch über dem Maintal eine Serie Bergbilder zeigt. Aber es gibt auch so wunderbare Dinge wie Tränenkrüge oder Sternenhimmelscheiben (bis 1.11., Burg und Museum Stadt Miltenberg).

Auch in München steht eine Feier an. Das Künstlerhaus am Lenbachplatz begeht an diesem Samstag sein 120. Bestehen mit der interaktiven Ausstellung Zeit-Schichten. Malerei, Bildhauerei, Projektionen, Streetart - Georg Jenisch nutzt die gesamte künstlerische Palette, um damit die bewegte Geschichte des Hauses zu erzählen (17.10., Künstlerhaus, 11 bis 21 Uhr).

© SZ vom 15.10.2020
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