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Viertel-Stunde:Zwischen München und Moskau

Eine tapfere Frau in schwieriger Zeit: München benennt eine Straße nach Zenzl Mühsam.

(Foto: Privat)

Zenzl Mühsam setzte sich für die Räterepublik und die politischen Ziele ihres verstorbenen Mannes ein. Nun wird eine Straße nach ihr benannt

Als Zenzl Mühsam um 1900 aus der Hallertau nach München kam, war sie eine junge Frau, die als Dienstmädchen arbeitete und die herrschenden Eliten alsbald in Frage stellte. Auch später wollte Zenzl Mühsam kein angepasstes Leben führen. An der Seite ihres Mannes Erich Mühsam, eines Schriftstellers, Anarchisten und Antimilitaristen, kämpfte sie 1918 für die Räterepublik. Als Erich Mühsam wegen seines politischen Kampfes inhaftiert war, setzte sich seine Frau für diese politischen Ziele ein.

Um ihrer zu gedenken, hat der Kommunalausschuss des Stadtrats beschlossen, eine Straße in Ramersdorf-Perlach nach ihr zu benennen. Im 16. Stadtbezirk entsteht gerade ein neues Wohngebiet, östlich des Karl-Marx-Rings. Eine der neuen Straßen wird die Zenzl-Mühsam-Straße sein. In München erinnern noch andere Orte an die Mühsams. In Schwabing lädt der Erich-Mühsam-Platz unweit der Leopoldstraße zum Verweilen ein. Er ist klein, aber von besonderem Charme. In diesem Viertel weist aber noch ein weiterer Ort auf die Mühsams hin. Der Zenzl-Mühsam-Saal, mit seiner Holzvertäfelung und der aufwendig verzierten Decke, befindet sich im Hochparterre der Seidlvilla. Der Raum wird etwa für Konzerte, Lesungen und Diskussionsveranstaltungen genutzt. Im vergangen Jahr wurde dort ein Gedichtband mit Zeichnungen von Erich Mühsam präsentiert, den er Zenzl Mühsam am 15. September 1924, zu ihrem neunten Hochzeitstag, aus der Haft zukommen ließ.

Zehn Jahre später wurde Erich Mühsam von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager Oranienburg ermordet. Zenzl Mühsam floh mit den Notizbüchern und Schriften ihres Mannes 1933 nach Moskau. Dort wurde auch sie mehrmals verhaftet und in Lager deportiert, bis sie 1955 freikam und in die DDR ausreisen konnte. Bis zu ihrem Tod am 10. März 1962 lebte sie in Ost-Berlin.

© SZ vom 18.01.2020
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