Viertel-Stunde:Stahl-Schleuse mit Weitblick

Der Hackerbrücke als Ort für einen Sundowner erwächst Konkurrenz: Nachbarn und Flaneure entdecken die Qualitäten des neuen Arnulfstegs

Von Andrea Schlaier

Sie wird noch viel von sich reden machen in den touristischen Handreichungen über diese Stadt, diese blutjunge Hinaus-Sehenswürdigkeit. Hoch über 37 Gleisen schwebend gewährt sie nach Osten einen Blick tief hinein ins Herz Münchens und bei gütigem Himmel weit über die stolzen Frauentürme hinaus. Auf der anderen Seite strömt der Blick achsengerade gen Horizont auf einer Linie, die vor 20 Jahren noch mit sprachlich scheuer Akkuratesse als Hauptbahnhof-Laim-Pasing ausgegeben wurde und heute nicht weniger ist als eine der urbansten Perspektiven der Stadt. Entlang dieser Flanken lässt sich die wirtschaftliche, architektonische und gesellschaftliche Veränderung der letzten zwei Jahrzehnte in München sehr konkret erzählen, mit Google-Zentrale, Luxus-Wohnturm "Friends" und der davor, an der Paketposthalle vielleicht einmal auch in die Wolken wachsenden Zwillingstürme von Herzog & de Meuron. Streng wie das Bauwerk selbst ist der Name der Hinaus-Sehenswürdigkeit: Arnulfsteg.

Auf 240 Metern Länge verbindet die Traverse für Fußgänger und Radfahrer zwischen Hacker- und Donnersbergerbrücke den Arnulfpark und damit Maxvorstadt sowie Neuhausen im Norden mit der Schwanthalerhöhe im Süden. Einen Tag vor Heiligabend 2020 eröffnet, haben Nachbarn und Flaneure die Qualitäten des Stahlbaus ruck, zuck entdeckt: Hier ruht 3,50 Meter über dem Zugverkehr die Weiterentwicklung der Hackerbrücke mit anderen Mitteln: Wem das Gekraxel aufs Gestänge der schmiedeeisernen Hacker-Bogenkonstruktion für einen der schönsten Sundowner Münchens zu mühselig ist oder wem's dort später im Jahr in windiger Höhe zu zugig wird, der wechselt jetzt gen Westen zum Arnulfsteg. In die elegante, leiterartige Stahl-Schleuse mit den dick verglasten Seiten haben das Planungsteam SSF Ingenieure und Lang Hugger Rampp Architekten tiefe Nischen gesetzt - geschützt vor wildem Wetter lässt sich hier locker ein Haushalt aneinanderschmiegen. Und der kleine Picknick-Schmaus hat auch noch Platz. Hackerbrücke 2.0. Ein echtes Geschenk für Großstadtmenschen. Noch sind die Buchten im knapp 26 Millionen Euro teuren Bauwerk nur sporadisch besetzt. Noch sind die touristischen Handreichungen über die Stadt nicht aktualisiert.

© SZ vom 08.05.2021
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