Viertel-Stunde:Der Pastor und seine Opfer

St. Paulus Kirche Perlach
(Foto: Friedrich Bungert)

Eine Gedenktafel am Pfarrhaus der St.-Paulus-Kirche erinnert an den Mord an zwölf Männern. Ausgerechnet ein Geistlicher hat sie ans Messer geliefert

Von Hubert Grundner

Es ist eine schlichte Tafel, die am Pfarrhaus neben der evangelisch-lutherischen St.-Paulus-Kirche in Perlach hängt. Darauf die Namen von zwölf Männern, derer gedacht werden soll. Nichts Ungewöhnliches in einem Land, das viele Kriege geführt hat. Und doch markiert jede Gedenktafel einzigartige Ereignisse, verbergen sich hinter jedem Namen oft harte Schicksale. Das trifft auch auf die Tafel in Perlach zu, auf der über die zwölf Männer zu lesen ist: "Nach der militärischen Zerschlagung der Münchner Räterepublik wurden diese Arbeiter und Handwerker an diesem Ort denunziert und ohne gerichtliches Verfahren von Mitgliedern des Freikorps Lützow am 5. Mai 1919 im Garten des Hofbräukellers ermordet. Zehn Frauen wurden zu Witwen und 45 Kinder zu Halbwaisen."

Bemerkenswert ist die Gedenktafel am Pfarrhaus aus noch einem Grund - sie verweist auf die schuldhafte Verstrickung eines Kirchenmannes. So fand der Waldperlacher Lokalhistoriker Franz Kerscher bei seinen Recherchen zu dem "Meuchelmord" in mehreren Quellen den Hinweis, dass der damalige Pastor Robert Hell seine Mitbürger ans Messer geliefert hatte. Hell, der im Ersten Weltkrieg als evangelischer Feldgeistlicher gedient hatte, erlebte das Ende der Räterepublik als Pastor der St.-Paulus-Gemeinde in Perlach. Am 1. Mai 1919 traf das Freikorps Lützow dort ein. Der Kommandeur der Einheit, Hans von Lützow, wurde in Pastor Hells Haus mit offenen Armen aufgenommen, während seine Männer versuchten, tatsächliche oder imaginäre Kommunisten dingfest zu machen. Als klar war, dass sich das Freikorps nur wenige Stunden in Perlach aufhalten würde, begann sich Hells Frau Sorgen zu machen und erklärte Lützow, sie befürchte Repressalien seitens der Kommunisten, sobald das Freikorps wieder abgezogen sei. Lützow versicherte ihr, er und seine Männer könnten jederzeit herbeigerufen werden.

In den drei Tagen nach dem Abmarsch des Freikorps wurden Hell und andere Gegner der Räterepublik in Perlach wiederholt bedroht, weil sie Lützow und seine Einheit unterstützt hatten. In ihrer Angst griff Hells Frau am 4. Mai zum Telefon und rief Lützow um Hilfe. Kurz danach rückte eine von ihm entsandte Einheit in Perlach ein und nahm 15 Personen fest, die als kommunistische Revolutionäre verdächtigt wurden. Am Abend dieses Tages sagte Pastor Hell voraus: "Die machen nicht lange Federlesen, die stellen die Leute gleich an die Wand." So geschah es: Die Männer wurden nach Haidhausen gebracht und am folgenden Morgen im Hof des Hofbräukellers erschossen. Weder der Denunziant noch die Freikorps-Mitglieder wurden für den Mord an den zwölf unschuldigen Perlachern verurteilt.

Nach dem Gottesdienst am Sonntag, 12. September, wird die Tafel am Pfarrhaus von St. Paulus offiziell eingeweiht.

© SZ vom 11.09.2021
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