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Viertel-Stunde:Der erste Tristan

Portrait of Ludwig Schnorr von Carolsfeld 1836 1865 a German Heldentenor and the creator of the ro

Pate für eine Straße: Ludwig Schnorr von Carolsfeld.

(Foto: Imago)

Der Tenor Ludwig Schnorr von Carolsfeld starb 1865 mit gerade einmal 29 Jahren. In Englschalking trägt eine Straße seinen Namen - in einer Siedlung, die einigen Persönlichkeiten des Münchner Musiklebens gewidmet ist.

Von Jutta Czeguhn

Etwa acht Tage nach unserem kaum beachteten Abschied wurde mir Schnorr's Tod telegraphiert. Er hatte noch in einer Theaterprobe gesungen, und seinen Kollegen zu erwidern gehabt, welche sich darüber verwunderten, dass er wirklich noch Stimme habe. Ein schrecklicher Rheumatismus hatte sich dann seines Knies bemächtigt, und zu einer in wenigen Tagen tötenden Krankheit geführt." So notiert Richard Wagner, seine Betrübnis muss groß gewesen sein, als ihm 1865 die Nachricht vom Tod Ludwig Schnorrs von Carolsfeld ereilte. Mit gerade einmal 29 Jahren war der Tenor in Dresden gestorben. Wenige Wochen zuvor hatte er noch in München am Königlichen Hof- und Nationaltheater die Titelrolle bei der Uraufführung von Wagners "Tristan und Isolde" gesungen. Schnorrs Ableben hat die Legenden um diese "Mörderpartie" befeuert: War es wirklich Rheuma, oder typhöses Fieber? Oder hat sich der junge Mensch nicht viel mehr am Tristan zu Tode gesungen?

In Englschalking, das zum Stadtbezirk Bogenhausen gehört, ist dem wackeren Schnorr, der im Übrigen rein optisch eine schier unumstößliche Erscheinung war, eine Straße von nachrangiger Imposanz gewidmet. Seit dem Jahr 1936 trägt sie den Namen dieses ersten Tristan. Der ist dort in guter Gesellschaft, sind doch die Nachbarstraßen etwa nach Marie Amalie Barlow, einer frühen Gönnerin des Münchner Musiklebens, und nach Friedrich Brodersen, einem Bariton-Kollegen, benannt. Auf der Schnorr-von-Carolsfeld-Straße ist etwa unterwegs, wer von der alten Dorfkirche St. Nikolaus den Weg zur Englschalkinger S-Bahnstation nimmt. Längs der paar hundert Meter Straße liegt architektonische Beschaulichkeit diverser Epochen. Ein Gebäude aber sticht ins Auge, die alte Dorfschule, erbaut 1896. Bis Anfang der 1930er Jahre wurde sie genutzt und dann von einer größeren Grundschule an der Ostpreußenstraße abgelöst. Heute befindet sich im Gebäude ein städtischer Kindergarten. An der alten Schule wirkte als erster Lehrer im Dorf Wolfgang Hofmann, ein streitbarer "Bauernbündler", der als der "rote Hofmann", wohl nicht nur wegen seines markanten Bartes, während der Räterepublik eine gewisse Berühmtheit erlangte, und gegen den die Englschalkinger sogar einen Schulstreik initiierten.

Träger eines mächtigen Bartes war auch Schnorr von Carolsfeld, in dessen große Münchner Fußstapfen im Sommer 2021 ein gebürtiger Bogenhauser treten wird: Jonas Kaufmann singt den Tristan an der Bayerischen Staatsoper.

© SZ vom 11.04.2020

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