Vermessung der Langsamkeit:Wie gemütlich ist München?

Im Vergleich zu Berlin oder Hamburg gilt das Leben an der Isar als bedächtig. Kann man das Tempo einer Großstadt überhaupt messen? Sieben Zahlen, die für das Klischee sprechen.

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Illustration Aufmacherbild Langsamkeit in München

Quelle: Sara Scholz

"So lang der Alte Peter am Petersbergerl steht, so lang stirbt die Gemütlichkeit in München niemals aus", heißt es in einem Volkslied, das als "Stadthymne" gilt. Man kennt die Melodie aus den Verkehrsmeldungen im Radio, wenn man zum Beispiel mal wieder auf dem Ring im Stau steht und über Beschleunigung nachdenkt. Aussagen zur Behäbigkeit Münchens gibt es viele, auf die angebliche Gemütlichkeit werden alljährlich auf der Wiesn ungezählte Prosits gesungen. Helmut Dietl sagte einst über seine Heimatstadt: "Ich bin diese aggressive Gemütlichkeit gewohnt, hier ist alles auf eine wohltuende Weise fad." Stimmt das? Wie schnell oder langsam ist München im Vergleich zu anderen Großstädten Deutschlands? Die SZ hat versucht herauszufinden, wie schnell oder langsam der Münchner geht, sitzt, spricht, isst und fährt. Und sieben Zahlen gefunden, die der Stadt den Puls fühlen. (Von Jessica Schober)

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Joggen:Münchens Läufer lassen sich Zeit

Illustration Joggen

Quelle: Sara Scholz

Der Münchner lässt sich sogar Zeit, wenn es schnell gehen sollte. Das zeigen Daten der Fitness-App "Strava", über die täglich tausende Sportler ihr Training aufzeichnen. Demnach brauchen Läufer in München für jeden Kilometer drei Sekunden länger als in Berlin und sogar sechs Sekunden länger als in Hamburg. Lediglich die Kölner sind einen Tick entspannter unterwegs. Vielleicht ist es die Idylle, die Münchens Jogger langsamer werden lässt: Zu den liebsten Strecken gehören die Isar und der Nymphenburger Park.

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Fahren:In der Stadt gibt es die meisten Tempo-30-Straßen

Illustration Fahren

Quelle: Sara Scholz

München ist die Hauptstadt der Langsamfahrer. Auf 80 bis 85 Prozent der Straßen gilt Tempo 30. Das sei die weitest gehende Regelung in Deutschland, sagt die Stadt. Berlin beispielsweise macht einen Unterschied zwischen Nebenstraßen - dort sind 70 Prozent Tempo 30-Zonen - und Hauptverkehrsstraßen. Auf diesen gilt, nächtliche Tempolimits mit eingerechnet, nur bei 17 Prozent ein Limit von 30 Stundenkilometern. Hamburg kommt auf etwa 70 Prozent, schätzt der ADAC. In Köln wird der Anteil der Tempo 30-Zonen nicht erfasst.

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Duschen:Um 6 Uhr steigt der Wasserverbrauch

Illustration Wasserverbrauch

Quelle: Sara Scholz

Der Münchner duscht erst nach dem Berliner und dem Hamburger so richtig los - ist er vielleicht ein Spätaufsteher? Um sechs Uhr sind in München jedenfalls erst elf Prozent des täglichen Wasserverbrauchs aus dem Hahn geflossen, in Hamburg aber bereits zwölf Prozent, in Köln sogar 13. Dafür starten Kölner insgesamt später mit dem Wasserverbrauchen. Andererseits erreicht der Münchner aber vor allen anderen Städtern den Höchststand seines täglichen Wasserverbrauchs bereits um 8 Uhr. Deutungsmöglichkeiten lassen diese Zahlen mehrere zu: Vielleicht duscht der Münchner spät und dafür recht rasch, weil er bald zur Arbeit muss. Oder aber er bleibt besonders lange liegen, verzichtet dafür aufs Duschen und kocht dann sehr schnell sehr viel Kaffee.

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Sprechen:Schlusslicht bei einem Vorlesevergleich

Illustration Sprechen

Quelle: Sara Scholz

Der. Münchner. spricht. langsam. Zumindest in der Studie von Matthias Hahn. Der Leipziger Germanist promoviert gerade über Sprechgeschwindigkeiten und hat Menschen an 99 Orten den gleichen Text vorlesen lassen. Für die 113 Wörter brauchte ein Münchner Sprecher 31,7 Sekunden (die Pausen sind dabei heraus genommen, es handelt sich also um die reine Artikulationszeit). Im Mittel macht dieses Lesetempo von rund 3,6 Wörtern pro Sekunde den Münchner tatsächlich zum langsamsten Sprecher im Freistaat Bayern. Im Bundesdurchschnitt schaffen die Deutschen 3,8 Wörter pro Sekunde. Forscher Hahn betont allerdings, seine Studie sei nicht repräsentativ und zeige nur Tendenzen, "der Münchner Sprecher liegt aber insgesamt unter dem Schnitt und spricht im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten tendenziell auch eher langsam." Zum Vergleich: Sprecher aus Berlin brauchten 29,2 Sekunden, aus Köln 30,4 Sekunden und aus Frankfurt 31 Sekunden für den Text. Insgesamt sei die Sprechgeschwindigkeit aber schwer zu messen, sagt selbst der Forscher. "Ein aufgeregtes Münchner Kind am Morgen seines Geburtstags wird im Anblick der reichlichen Geschenke schneller reden als ein deprimierter, älterer Münchner nach ein, zwei Weißbier am Abend seines Geburtstages, den nun leider aber alle vergessen haben", sagt Matthias Hahn, der übrigens selbst sehr bedächtig spricht. Obwohl er gar nicht aus München kommt.

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Gehen:Das Schritttempo ist gemächlicher als im Norden

Illustration Gehen

Quelle: Sara Scholz

Ein Fußgänger muss in Deutschland in der Regel 1,2 Meter pro Sekunde an einer Ampel zurücklegen, um die rettende Bordsteinkante zu erreichen. In München gibt es jedoch Ampeln, die gnädiger sind. An der Obermenzinger Kreuzung Verdistraße/Thaddäus-Eck-Straße zum Beispiel reicht im Normalfall eine Gehgeschwindigkeit von nur einem Meter pro Sekunde aus, um während der Grünphase die andere Straßenseite zu erreichen, wie Klaus Krämer, Experte für Lichtsignalanlagen im KVR, vorrechnet. Springt die Ampel unterwegs auf Rot um, fahren die Autos jedoch nicht sofort los, es gilt eine sogenannte Schutzzeit. Geht man zur ersten Grünsekunde los, kann man deshalb an der Obermenzinger Ampel sogar mit einer Geschwindigkeit von 0,58 Metern pro Sekunde oder umgerechnet 2,1 Stundenkilometern über die Straße bummeln, bis die Autos wieder losfahren. <FG><FG>Generell bewegen sich die Münchner langsamer als andere: "In Hamburg gehen die Menschen schneller als in München", heißt es in einer Studie des Wiener Verhaltensbiologen Klaus Atzwanger. Am schnellsten sind die Braunschweiger unterwegs. Das angeblich so hektische Berlin rangiert auf Platz sechs, München landet auf Platz 14, vor Freiburg. Auch der Geschwindigkeitsforscher Olaf Morgenroth hat beobachtet, dass Menschen im Norden schneller voranschreiten als im Süden: Im Schnitt geht der Hamburger zwei Millimeter mehr pro Sekunde als der Münchner.

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Sitzen:Bänke zum Ausruhen gibt es reichlich

Illustration Sitzen

Quelle: Sara Scholz

Ob auf Spielplätzen, an Bushaltestellen oder in Parks, München ist die Großstadt in Deutschland, die ihren Bewohnern die meisten Sitzbänke anbietet. Rund 4700 sind es, 3,3 Bänke pro 1000 Einwohner. Das hat zumindest eine Auswertung von Nutzerdaten des Kartenanbieters Open-streetmap ergeben. In Berlin stehen demnach zwar absolut mehr Bänke, allerdings hat die Stadt auch mehr Einwohner. Dadurch sinkt die Quote dort auf 2,2 Bänke pro 1000 Einwohner. Auch Hamburg (1,9) und Köln (1,8) können mit München nicht mithalten. Was das bedeutet fürs Stadtgefühl: Sitzende haben eine Neigung zum Bleiben. Eine Stadt mit reichlich Rastorten lädt zum Verweilen ein. Und dass Bänke in München auch ein Politikum sein können, hat im vergangenen Jahr Oberbürgermeister Dieter Reiter gezeigt. In einer Bestuhlungsoffensive für die Fußgängerzone zwischen Marienplatz und Stachus, setzte er sich dafür ein, dass anstatt der bestehenden 90 Sitzplätze nun 256 zur Verfügung stehen. München, eine sichere Bank.

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Essen:Die lokale Slow-Food-Bewegung hat viele Anhänger

Illustration Essen

Quelle: Sara Scholz

Markus Hahnel ist in München der Ansprechpartner für geruhsame Gaumenfreuden. Die lokale Gruppe der Slow-Food-Bewegung hat mit 1000 Mitgliedern so viel Zulauf wie in keiner anderen Stadt Deutschlands (Berlin hat 800, Frankfurt 570, Hamburg 450, Köln 400). Außerdem haben sich in München 70 Betriebe, Gastronomen und Zulieferer dem Verband angeschlossen. "Wir verbringen durch unseren gehetzten Lebensstil viel zu wenig Zeit mit Essen", sagt Hahnel, "die Slow-Food-Bewegung kämpft gegen die To-Go-Mentalität und schnelle Lieferdienste, die überhand nehmen." Einen Suppenfond oder Brotteig schon mal zwei Tage vorm Essen zubereiten - auch das ist für Hahnel Slow Food. Seit 25 Jahren kämpft Slow Food aber nicht ausschließlich gegen Fast Food und für langsame Nahrungsmittelaufnahme, sondern auch für den Erhalt des guten Geschmacks und der lokalen Esskultur sowie für mehr Nachhaltigkeit. Warum der Verband ausgerechnet in München auf so viel Interesse stößt, erklärt sich Hahnel nicht nur mit der geografischen Nähe zum Genuss-Spitzenreiter Italien, sondern auch mit der regionalen Mentalität: "In katholisch geprägten Gegenden ist die Genusskultur ausgeprägter - und es wird langsamer gegessen."

© SZ.de/ jesc, chen, bew, zaj/haeg
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