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Verletzte Syrer in München:In Syrien hat sich die Lage zugespitzt

Jetzt wohnt Amin in einem winzigen Zimmer am Goetheplatz: ein Bett mit ausgewaschenem Bezug, mit Blumenmuster, das einmal bunt war. In der Ecke ein Nachttisch, darauf eine leere Sprite-Flasche. Nur mit einem kleinen Koffer kam Amin hier an. Das "Projekt Omnibus" der Franziskaner nahm ihn auf. Hier wohnen Angehörige von Kindern, die in der Hauner'schen behandelt werden.

"Hier wird man in Würde behandelt", sagt Amin. "Von der Regierung in Syrien kann man nur das Gegenteil behaupten." Er sitzt auf einem Sofa, direkt unter einem Kruzifix, fühlt sich sichtlich wohl in dem christlichen Haus. Der Leiter Pater Engelbert lobt: "Amin isoliert sich nicht und ist ein sehr angenehmer Mensch. Wenn alle Bewohner so wären, hätten wir keine Probleme hier."

Fast jeden Tag verbringt Amin mehrere Stunden bei den Kindern im Krankenhaus. Sein Heiligtum: drei kleine Übersetzungsbücher, eines davon voll mit Bildern. Das hat er immer dabei. Er schlägt die wichtigste Seite auf. Ein Operationssaal, Spritzen, Organe. "Die Gesundheit" steht darüber.

Die Kinder haben vorerst alle Operationen hinter sich, die neue Haut verheilt gut. Hanadi erwacht nun langsam aus dem künstlichen Dauerschlaf, Ahmad kann schon leise sprechen und trinkt mit Hilfe seines Cousins durch einen Strohhalm Cola. Dass die beiden wieder wach sind, freut Amin sehr. Die bewusstlosen Kinder zu besuchen, machte ihm zu schaffen. "Mir sind die Geschichten ausgegangen", sagt er und lacht. Doch es war wichtig, dass er da war. Der Puls der Kinder habe sich in Amins Anwesenheit spürbar beruhigt, berichten die Ärzte.

Einmal pro Woche versucht Amin mit den Eltern der Kinder in Homs zu telefonieren. "Die Lage in Syrien hat sich in letzter Zeit noch mehr zugespitzt", sagt er. "Die Artillerie beschießt ohne Pause die Stadt." Telefonleitungen sind gekappt, ein Gespräch ist nur möglich, wenn Hanadis und Ahmads Eltern in die Nähe der Grenze fahren und aus dem Libanon Empfang bekommen. Die Eltern seien sehr beunruhigt, sagt Amin. Sie wollen Fotos der Kinder sehen. Doch Amin lässt sich immer neue Ausreden einfallen, warum er keine schicken kann. Er will ihnen den Schock ersparen, so lange die Kinder nicht wieder gesund sind.

So bald wie möglich soll Amin ein größeres Zimmer bekommen, zum ruhigen Innenhof hin. "Er wird ja wohl noch etwas länger bei uns sein", sagt Pater Engelbert. Über die Zukunft denkt Amin nicht viel nach. "Wenn die Behandlung abgeschlossen ist, fange ich damit an." So lange versucht er, alle Sorgen wegzulächeln. "Inschallah", sagt er unter dem Kruzifix. Alles wird gut, so Gott will.

Die Behandlung von Hanadi und Ahmad wird noch viele Monate dauern. Auch wenn die Ärzte ehrenamtlich behandeln, fehlen noch rund 500 000 Euro für weitere Operationen und Reha-Maßnahmen. Spendenkonto: Kinder im Zentrum - Für Kinder e.V., Kontonummer: 39 35 000 00, Bankleitzahl 200 303 00, Bankhaus Donner & Reuschel, Verwendungszweck: Traumakinder

© SZ vom 30.05.2012/wib
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