Urteil im Krailling-Prozess Niemand außer Thomas S. kann Fehler finden

Ich bin ziemlich sicher, dass ich meine Nichten nicht getötet habe", sagt Thomas S. am letzten Verhandlungstag. In der Sitzung vor Ostern hatte von Mariassy ihn aufgefordert, er solle sich seiner Verantwortung stellen. Thomas S. tut das - auf seine Weise. "Sie wollten vermutlich damit an mein moralisches Gewissen appellieren", sagt S.. Er wolle jetzt über "die Moral bei Gerichtsverhandlungen" etwas sagen. Die Zeugen hätten gelogen, die Rechtsmedizinerin, so habe er gehört, sei mit einem Mann von der Mordkommission verheiratet, das müsse ja zu Interessenkonflikten führen. Und in den DNA-Gutachten finde er "als Laie" schon viele Fehler.

S. blättert wild durch die Aktenordner, wirft das Mikro um, auf der Suche nach den Fehlern. Niemand außer ihm kann welche finden.

Seine Anwälte sitzen zu diesem Zeitpunkt nur noch vor ihm und versuchen, ihre Gesichtszüge nicht entgleisen zu lassen. Ihr Mandant hat sich selbständig gemacht und redet sich mit jedem Satz tiefer ins Verderben. Alle hier im Saal sind jetzt an ihrer psychischen Belastungsgrenze angelangt: Der Angeklagte redet und redet, über Fehler der Polizei, der Rechtsmedizin, über die Dummheit der anderen. Aber nicht über sich selbst.

Als der Staatsanwalt zum Plädoyer ansetzt, fläzt sich Thomas S. in seinen Stuhl. Er verschränkt die Hände hinterm Kopf, liegt halb in der Bank. Er grinst Gliwitzky mit schräg gelegtem Kopf an, als der erzählt, wie die Kinder getötet wurden. Wie zum Spaß macht S. mit beiden Händen eine Geste, als drehe er jemandem den Hals um. Und er lacht, als Gliwitzky über die 15 Stichwunden von Sharon spricht, die er dem Kind seiner Überzeugung nach zugefügt hat.

Erdrückende Beweislast

Der Staatsanwalt spricht von einer "erdrückenden Beweislast" gegen S. und skizziert: Um 22.21 Uhr wurde nachweislich sein Computer in Peißenberg ausgeschaltet, um 21.30 Uhr verließ die Mutter von Sharon und Chiara das Haus in Krailling. Spätestens um 2.30 Uhr waren die Kinder nach den Erkenntnissen der Rechtsmedizin tot.

Thomas S. wusste, dass die Kinder jeden Mittwochabend alleine waren. Er wusste, dass die Mutter nebenan in der Kneipe bei einem Musikwettbewerb war. Und er wusste, dass die Tür unversperrt war. Seine Fingerabdrücke wurden auf dem Seil gefunden, mit dem Chiara erdrosselt wurde, und auf der Taschenlampe am Tatort. Seine DNA konnten die Experten auf dem Steakmesser in der Spülmaschine, am Seil und an Chiaras Leiche sicherstellen - insgesamt 23-mal auf den Tatwerkzeugen und 20-mal an den Leichen der Kinder.

So dicht sei die Beweislage, dass auch S.' frühere Angabe, er habe die Wohnung besucht und Nasenbluten gehabt, "abwegig" sei. "Man sitzt hier und hört dem Angeklagten über Stunden zu, alle hören andächtig zu. Aber eigentlich müsste man laut zu lachen anfangen, wenn es nicht so traurig wäre", sagt der Staatsanwalt.

Am Ende hat Thomas S. sogar seine bis zuletzt engagierten Anwälte resignieren lassen. Sie belassen es bei einem kurzen Pflichtvortrag. Man verkenne die "tiefgreifende Indizienkette" nicht. Auf der anderen Seite habe man gehört, wie sich Herr S. damit auseinandergesetzt habe. Anwalt Adam Ahmed erklärt, man werde keinen konkreten Strafantrag stellen. "Wir haben großes Vertrauen in das Gericht, dass es ein richtiges Urteil fällen wird." Am Rande hört man, dass Anwältin Eva Gareis ihren Mandanten erzürnt beschworen haben soll, endlich mit seinen selbstgerechten Vorträgen aufzuhören. Doch das half nichts.

"Mir wird ständig DNA untergejubelt, die nicht von mir war", sagt Thomas S. in seinem Schlusswort. "Ich bin gern bereit, mit Ihnen das DNA-Gutachten durchzugehen", bietet er der Anwältin der Mutter der Opfer an. "Aber ich lass es jetzt. Glaubt mir eh keiner."

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