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Uraufführung:Oper im Weltall

Singularity

Der digitale Sopran (Juliana Zara) und sein analoges Gegenstück (Eliza Boom) im Weltraum-Spa. Vorne der analoge Bariton (Andrew Hamilton).

(Foto: Wilfried Hösl)

Im Cuvilliés-Theater hat das neue Werk von Miroslav Srnka und Tom Holloway Premiere. Eine digitale Begegnung vorab

Von Egbert Tholl

Gegen Ende wird der Computer richtig gesprächig. Screeny war einst ein Supercomputer, der erste Vertreter der Künstlichen Intelligenz, Sieger in jedem Spiel, aber offenbar auch ein bisschen nervig. Also wurde er ins Weltraum-Spa versetzt, wo er nun den Weg zum Klo weist und freundlich die neuen Besucher begrüßt. Wobei man sich "Besucher" als weit gefassten Begriff vorstellen muss. Vier sind echt, mehr oder weniger, vier sind digital, aber real vorhanden, singen tun sie alle, zum ersten Mal vor Publikum bei der Uraufführung von "Singularity" am Samstag, 5. Juni, im Cuvilliés-Theater.

Es ist die dritte Oper, die der Komponist Miroslav Srnka, geboren in Prag, und der Librettist Tom Holloway, geboren in Tasmanien, zusammen für die Bayerische Staatsoper schrieben. Die erste war "Make no Noise", die 2011 im Festspiel-Stacheltierpavillon auf dem Marstallplatz herauskam und auf einer verlassenen Bohrinsel spielte. Die zweite war 2016 "South Pole" über das Wettrennen um den Südpol, bei dem der Norweger Roald Amundsen gewann und der Brite Robert Scott auf dem Rückweg umkam. Die Oper wurde damals mit personellem Maximalaufwand umgesetzt, nun schrieben Srnka und Holloway explizit für das Opernstudio der Staatsoper, es spielt das Klangforum Wien.

Man trifft die beiden zu einem Zoom-Gespräch, was die kleine Herausforderung beinhaltet, dass Holloway zuhause in Australien sitzt und sein Englisch dem örtlichen Kolorit angepasst ist, da muss man schon genau hinhören, um dann dennoch nicht alles zu verstehen. Das macht nichts, weil er irre freundlich ist und die gemeinsame Arbeit so beschreibt, als seien sie zwei die beiden Alten aus der Muppet-Show. Wobei sie ja nicht alt sind.

Das Personal in "Singularity" ist hübsch geordnet. Es gibt einen Bariton, der gerne Computerspiele spielt, seine Freundin (Sopran), der sein Gegame auf die Nerven geht, einen Tenor, der allein mit seiner Trostdrohne lebt und eine Mezzosopranistin, die "nicht die beste Art hat, mit Menschen umzugehen". Alle vier Stimmfächer haben "digitale" Doubles (deshalb in Anführungszeichen, weil die Doubles ja auch real auf der Bühne vorhanden sind), dazu kommt Screeny. Ort: erst die Erde, aber in der Zukunft, dann ein Spa irgendwo im Weltall.

Bohrinsel, Südpol, Weltraum. Srnka und Holloway scheinen ein Faible für isolierte Orte zu haben, und wenn man sie danach fragt, grinsen sie breiter als der Bildschirm. Jede ihrer Opern spiele in einer anderen Welt (Srnka), es gebe starke Verbindungen zwischen den dreien (Holloway), beim nächsten Gespräch würden sie sicher wieder nach den Gemeinsamkeiten befragt werden (beide). Die konzentrierte Situation sei eine Chance für die Musik, weil sie ihr Möglichkeiten öffne. Auch wenn man sich vorstellen kann, dass es für Bühnenbildner (hier Raimund Bauer) und Regisseure (hier Nicolas Brieger) sehr reizvoll sein kann, an und in einer Raumstation zu basteln, man hat den Eindruck, die beiden begreifen diese nicht einmal als Metapher, eher als philosophische Idee.

Klar: Was digitale Quarantäne ist, haben wir alle gerade erlebt. Und: "Der langsame Tod in Isolation ist etwas, was wir aus dem Alltagsleben kennen", so Srnka. Für ihn sei das Stück eine "Komödie mit Frost-Elementen. Wenn uns alles weggenommen wird, was ist uns dann wichtig?". Tatsächlich weist das Libretto ein großes Grinsen über digitale Gewohnheiten auf, und wie analog die analogen Menschen hier sind, darüber kann man auch streiten. Haben die nicht schon Chips im Kopf? Gleichwohl gibt es den Unterschied der Zeit. Wer spricht, ist in der Zeit. Wer Nachrichten schickt, fällt aus dieser heraus, hält sie an. Dies, so Srnka, könne man in der musikalischen Faktur spüren.

Die Zusammenarbeit an "Singularity" begann 2018. Da begann das Ping-Pong-Spiel, einander Material zuzuschicken, Sachen rauszuschmeißen, um Ersatz zu bitten. Holloway, ein versierter Dramatiker und Drehbuchschreiber, der in Australien mit Preisen überhäuft wurde, hat offenbar viel Freude um den Vorgang des Kondensierens, der bei einem Libretto nun einmal nötig ist. Ihn interessiere, "Alltagssprache unter Druck" zu setzen. Im Grunde taten sie also sehr lange das, worum es auch in dieser Oper geht, um Kommunizieren auf zwei Ebenen, und man wüsste gerne, wie sie dann über das sprachen, in Echtzeit, in der Expressivität des Moments, was sie einander zugeschickt hatten.

Am Abend dieses Gesprächs wird Srnka zum ersten Mal alles zusammen hören, da wird die Orchesterhauptprobe sein. "Drei Jahre, und zusammen kommt alles in letzter Minute" - das fasziniert Holloway, der in den vergangenen 13 Jahren eine stete Entwicklung von Srnkas Komponieren sieht. Srnka selbst wirkt ein bisschen aufgeregt. Schaut man seinen Notentext an, kann man sich denken, warum. Der schaut aus wie ein Code. Da gibt es keinen Zufall, da sind auch noch die Nuancen stimmlicher Ausdrucksformen notiert. Aber, so Srnka: "Die Oper beginnt in einer systemischen Welt. Und dann geschieht ein Zerfall des Systems."

© SZ vom 05.06.2021
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