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Projekt: Kunst an sich, 2021

Madalena Prünster Soares und Dieter von Bröckel.

(Foto: Robert Haas)

Dieter von Bröckel und Madalena Prünster Soares lassen Kunstwerke auf T-Shirts, Taschen und Pullis drucken und wollen damit Künstler unterstützen

Von Julian Limmer

Sechs, schwarze Pupillen schielen von der Wand, sie starren einen förmlich an. Umrundet werden sie von roten Halbkreisen. Genau genommen sind es gar keine Pupillen, sondern Samen der brasilianischen Regenwaldfrucht Guaraná, die aussehen wie Augen - gemalt auf Leinwand. Zeitgenössische Kunst.

Dieter von Bröckel, 61 Jahre alt, hängt einen Kleiderbügel mit einem dunkelblauen Pullover direkt neben das Gemälde. Er deutet auf das Motiv, es gleicht dem des Kunstwerks. Gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin, Madalena Prünster Soares, lässt Bröckel Kunstwerke auf T-Shirts, Taschen und Pullis drucken.

Kunst als Kommerz? Nein. Oder zumindest nicht nur: Soares und Bröckel wollen damit die Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern wieder sichtbarer machen und sie ganz nebenbei finanziell unterstützen - so zumindest der Plan. "Der Mensch ist die Leinwand, der das Bild durch die Stadt trägt", erklärt Madalena Prünster Soares.

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie sei es für Kreative schwerer geworden, sagt sie: Ausstellungen fielen aus, Verkäufe brachen weg. Aus diesem Grund haben Soares und Bröckel im vergangen November das Projekt "Kunst an Sich" gestartet. Pro verkauftem Artikel gehen 25 Prozent des Erlöses an die Künstler. Etwas mehr als viertausend Euro hätten sie so bisher weitergeben. Ein Anfang, sagt Madalena Prünster Soares, doch noch reiche es bei Weitem nicht, um die Ausfälle ihrer Partner zu kompensieren.

Die 42-Jährige sitzt in einem Schwabinger Altbau auf einem weißen Holzstuhl im Atelier ihrer Mutter. Ihre Mutter hat auch das Bild der Guaranás gemalt. Auf einem Cocktailtisch liegen bunte T-Shirts, das Fensterbrett steht voller Glasflaschen, gefüllt mit Erden aus verschiedenen Teilen der Welt. An der Wand hängen Bilder von Bananenhainen aus Brasilien.

Madalena Prünster Soares, dunkles schulterlanges Haar, runde Brille, hat selbst ihre Kindheit in Brasilien verbracht. Mit neun kam sie nach München. Mit Kunst sei sie von klein auf verbunden gewesen - durch ihre Mutter und ihren Großvater, beides Künstler. Sie selbst ist eigentlich Ethnologin, doch sie gibt Kunstworkshops für Kinder. Dass sie und Dieter von Bröckel, der als Fotograf und im Messebereich arbeitet, zusammenfanden, sei purer Zufall gewesen. Über ihre Kinder lernten sie sich mehr oder weniger auf dem Schulhof kennen.

Beide sind selbst unmittelbar von der Corona-Krise betroffen, viele Workshops und Messen wurden abgesagt. So entschlossen sie sich, die Zeit für das gemeinsame Projekt zu nutzen. Angefangen haben sie mit zehn Künstlerinnen und Künstlern, die sie teilweise bereits kannten. Mittlerweile sind daraus 36 geworden - Bildhauer, Grafiker und Maler aus München, Köln, Freiburg und der Toskana. "Die meisten kamen durch Mundpropaganda dazu", sagt Madalena Prünster Soares.

Um die Kunstwerke letztendlich auf die Kleidung zu bringen, stimmten sie alles genau mit den Urhebern ab. Bröckel greift zu seinem Laptop. Er öffnet Fotos, auf denen kleine, bunte T-Shirts aus Papier in einem Atelier zu sehen sind. Darauf: comicartige Hasen, Hunde und Männchen. Die Künstlerin habe sie für das Projekt ausgeschnitten und bemalt. "Es kommt schon mal vor, dass Künstler speziell was für uns machen", sagt Bröckel. Eigentlich würden sie gerne noch mehr Kreative an Bord holen, Anfragen hätten sie genug - nur die Zeit fehle. Bis zu 35 Stunden würden sie manchmal wöchentlich in das Projekt stecken, sagen sie.

Geht es den beiden bei so viel Einsatz wirklich nur um Kunst? "In erster Linie schon", sagt Madalena Prünster Soares, "aber natürlich ist es unser Wunsch, dass auch wir irgendwann etwas davon haben." Sie wollten nicht reich werden, aber zumindest etwas Lohn für die vielen Stunden erhalten. Noch hätten sie selbst keinen Cent verdient, sagen sie. "Das Feedback ist super, nur das Geld fehlt", sagt Bröckel.

Denn die T-Shirts und Pullis seien teuer in der Produktion - alles bio und fair produziert, keine Plastikverpackung, das sei ihnen wichtig. Doch ist es bei all dem Streben nach Nachhaltigkeit überhaupt verantwortbar, noch mehr Kleidung auf den ohnehin übersättigten Textilmarkt zu bringen? Eine Frage, die beide auch länger umtrieb. Bröckel sagt: "T-Shirts werden ja immer gedruckt, das hört ja morgen nicht auf. Wir wollen die Leute dazu bewegen, nicht dauernd zu kaufen, sondern einmal im Monat - dafür von einem Künstler, den sie wirklich mögen."

Ein Zeichen gegen Fastfashion und Wegwerfmentalität? Ihr Wunsch wäre es irgendwann, die T-Shirts so zu produzieren, dass sie sich biologisch vollständig abbauen ließen - kompostier- und recycelbar, ohne Abfallprodukte. Noch sei das nicht möglich: zu teuer und es gebe kaum Druckereien, die das anböten, sagt Madalena Prünster Soares. "Aber wir versuchen, nahe daran zu sein, sonst hätten wir das nicht gemacht." Sie streichelt sanft mit den Fingern über den grauen Stoff eines ihrer Kapuzenpullover.

© SZ vom 08.05.2021
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