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Türkische Community in München:Mittendrin, aber nicht dabei

Die Landwehrstraße im Münchner Bahnhofsviertel: Hier leben und arbeiten viele Türken. Doch statt nach teilweise jahrzehntelangem Aufenthalt München als ihre neue Heimat betrachten zu können, fühlen sich viele Zuwanderer und deren Nachkommen noch immer nicht anerkannt.

Zwei Menschen ermordete der NSU in München, seitdem fühlen sich viele Türken unsicher. In einer Woche beginnt der Prozess gegen den rechten Terror - und große Verärgerung kommt dazu. Einige vermuten, man habe türkischen Journalisten absichtlich den Zugang zum Gerichtsaal verweigert.

Von Wolfgang Görl

Das südliche Bahnhofsviertel an einem frühen Freitagabend: Autos schlängeln sich durch die Straßen, vorbei an parkenden Lieferwägen, und auf den Gehsteigen herrscht ein Betrieb, als gäbe es kein Morgen. Bahnreisende eilen durch die Goethestraße, Rollkoffer hinter sich herziehend auf der Suche nach ihrem Hotel; drei Frauen im schwarzen Tschador spazieren im Zeitlupentempo an den Schaufenstern vorbei; vor der Tabledance-Bar "Sexyland" stehen ein paar unschlüssige Jugendliche, und beim Herrenfriseur Makos sieht man palavernde Männer, die darauf warten, einen neuen Haarschnitt verpasst zu bekommen.

Ganz besonders hoch her geht es im "Süper Market Verdi" in der Landwehrstraße. Da sind Frauen mit Kopftüchern, die drei, vier Tüten voller Lebensmittel zu ihrem Auto schleppen. Da sind Männer mit Wollmützen, die sich einen Döner genehmigen. Ein grauhaariger Mann, Typ Altmünchner Rentner, betastet die Auberginen und legt die besten in seine Tüte. Jugendliche mit Rapper-Caps umarmen sich zur Begrüßung, eine elegante Lady steigt aus ihrem kleinen Flitzer, um kurz vor Toresschluss noch einzukaufen.

München ist in diesem Viertel so bunt wie sonst nirgendwo - ein bisschen orientalisch und ein bisschen verrucht, da bodenständig und dort weltoffen, mal prollig, mal schillernd im Talmiglanz.

Es ist ein Zustand, den gutwillige Einheimische mit "passt scho" kommentieren würden. Aber einiges passt nicht mehr in diesen Tagen. Das ist zu spüren, wenn man das Treffen des "Türkenrats München" besucht, das an diesem Freitag in den Räumen des türkischen Unternehmervereins Müsiad in der Goethestraße stattfindet. Der Türkenrat ist ein Gremium aus türkischen Vereinen, das sich die Integration der in München lebenden Landsleute zum Ziel gesetzt hat, getreu dem Motto: "Seine Wurzeln kennen und gleichzeitig die deutsche Kultur und ihre Werte verinnerlichen." Auf den Tischen liegt frisches Obst, dekorativ serviert in Schalen, es gibt Tee in den traditionellen türkischen Gläsern.

"Ich hätte erwartet, dass sich das Gericht anders verhält"

Unsichtbar aber geistert etwas durch den Raum, das die etwa 25 türkischstämmigen Menschen, die hier zusammengekommen sind, bedrückt. Es ist der sogenannte NSU-Prozess, das Verfahren um die Mordserie der Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund", das kommenden Mittwoch vor dem Oberlandesgericht München beginnt. Es ist der Wirbel um die Vergabe von Reporterplätzen, bei der die türkischen Medien leer ausgingen. Und es sind die Gedanken an die Ermordeten, die, mit einer Ausnahme, ausländische Wurzeln hatten so wie alle hier an den gastlich gedeckten Tischen.

"Ich hätte erwartet, dass sich das Gericht anders verhält", sagt Salim Sahin, der Vorsitzende des Müsiad. "Dass man die türkischen Journalisten und auch türkische Repräsentanten einlädt." Sahin lebt seit 1981 in Deutschland, er hat einen Handwerksbetrieb und eine Handelsfirma. Als Unternehmer ist er integriert in das Stadtleben und die hiesige Gesellschaft, er ist keiner, der sich ausgeschlossen fühlt. Dennoch ist ihm mulmig angesichts der Ermittlungspannen bei der Aufklärung der Mordserie. "Ich finde es schade, dass es so lange gedauert hat, bis die Täter gefunden wurden." Bei aller Verunsicherung - er glaubt an einen fairen Prozess. "Am Gericht will und kann ich keine Zweifel haben."

Nükhet Kivran, die das Treffen leitet, äußert sich weniger diplomatisch. "Die Empörung in der türkischen Community ist groß", sagt sie. Kivran ist die Vorsitzende des Münchner Ausländerbeirats, sie kennt die Stimmung in den türkischen Familien. Warum, frage man sich da, hat es zehn Jahre gedauert, bis die Mörder - eher durch Zufall - ermittelt wurden? Warum hat die Polizei den Opfern so lange kriminelle Verbindungen unterstellt? Und jetzt noch die "inakzeptable" Sache mit den Plätzen im Gericht.

"Da hat man in Deutschland einen Punkt erreicht, wo man wirklich nicht mehr vertrauen kann", sagt Kivran. Die Rechtsextremisten hätten keine Angst mehr, offen aufzutreten, auch in der Mittelschicht gebe es mittlerweile Rassismus und Ausländerfeindlichkeit. "Ich habe selbst zwei Kinder, die hier geboren und aufgewachsen sind, und beide fühlen sich halt nicht mehr wohl in dem Land."

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