SZ-Serie: Bühne? Frei!:Wählerisch bleiben

Lesezeit: 2 min

Thomas Schamann

Thomas Schamann macht Pressearbeit für den Club Milla, und arbeitet außerdem als DJ, Booker und Barmann. Grotto Terrazza heißt sein Soloprojekt als Musiker.

(Foto: Andor Bencze)

Kultur-Lockdown, Tag 46: Der DJ und Booker lässt sich musikalisch überraschen

Gastbeitrag von Thomas Schamann

Herzlich willkommen liebe Zuschauerinnen und Zuschauer hier im Studio und zu Hause an den Geräten! Meine Schwester streicht gerade unten mit Simone die Bühne, ich sitze einen Stock darüber im Büro und glotze einen Ausschnitt aus einer alten Musiksendung (1979). Was sollen wir zu Mittag essen? Philipp will was Gesundes, sagt er. Wir haben zu tun: spachteln, streichen, planen, umbauen, Kühlung, Lüftung, dies, das, und jetzt auch Internet-Liveübertragungen von Konzerten. Nachdem uns Freiluftkonzerte und bestuhlte Kleinkonzerte drinnen versagt blieben, soll das jetzt aber klappen: Telemilla.

Hunderte Verlegungen, keine Band aus Amsterdam, kein DJ aus Hamburg, keine Warschauer Pianistin, keine Aufregung im Residenztheater, keine Erhellung im Werkstattkino, heute und hundert Tage nicht: Wir wurden mit einem Schrumpfstrahl zusammengeschchchchrumpft auf Teigmachen und "Tatort". Das Unterhaltungsprogramm, welches uns in diesen Blasen Laune gegen Geld geben möchte, wird maßgeblich von Algorithmen und Status-quo-replizierender Marktforschung bestimmt. Ein unendliches Angebot on demand, ständiger Aufmerksamkeitswettbewerb, Scheinindividualität. Nichts gegen Teigmachen, aber insgesamt ist das ja traurig.

Was können sachverständig kuratierte Livesendungen dagegenhalten?

Früher gab es "Rockpalast" und "Beat Club", jetzt haben wir den NPR TinyDesk, Colors, HÖR und KEXP. Die Idee hat sich grundsätzlich bewährt, denn sie hat der Rotation und dem Autoplay von Aufnahmen einiges voraus: Abwechslungsreichtum, Abwegigkeit, Spontaneität, Zerbrechlichkeit, und im besten Fall sogar einmalige Gleichzeitigkeit. Deflationen selber machen, Beliebigkeit abbrechen, wählerisch sein. Drei Vorschläge. Erstens: 31. Dezember, Marc Zimmermanns Kassettenclub live auf Twitch (Hutspende online, twitch.tv/lunastrom). Zweitens: 9. Januar, Paar und Fallwander, live, Telemilla (Ticketkauf, www.milla-club.de). Drittens: Audio only, Radio 80 000, live, (gratis, www.radio80k.de). Letzteres ist ein Community Radio, also ein von einer vielfältigen Gemeinschaft ehrenamtlich hergestelltes Radio. Bis gerade eben waren die im Werksviertel ansässig, ab 2021 wird bis auf Weiteres aus der Favorit Bar in der Damenstiftstraße gesendet.

Ich möchte diese Kultur-Methadon-Zeit nicht beschönigen; ein Laptop ist kein Kino, und eine Zoom-Party ist ein Krampf und bleibt es auch. Als Musiker werde ich im März die dritte Tournee in Folge aussetzen müssen, und das passt mir überhaupt nicht. Mit der verschiebbaren Heilserwartung als Karotte vor der Nase eseln wir Richtung Sommer 2021. Hören und sehen wir aber wenigstens was Gesundes bis dahin. Beim Schreiben dieses Textes lief eine einstündige NTS-Radiosendung von Natalia Ferviú, fangen Sie doch gleich mal mit der an. Au revoir und gute Besserung allen Erkrankten.

Alle Folgen der Serie auf sz.de/kultur-lockdown

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema