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Szene-Kolumne:Her mit den kühlen Engländerinnen

Wohin mit den sperrigen Mänteln? Im Gegensatz zum Engländer geht der Münchner wohlig warm in voller Wintermontur vor die Tür - und steht genervt da, wenn er im Club angekommen ist.

Es gibt Sätze, die sagen nur Mütter. Viele dieser Sätze haben etwas mit Kleidung zu tun, meist fallen sie, wenn auch die Temperatur fällt. "Hast du ein Unterhemd an", sagen die Mütter, auch wenn das Kind schon Mitte 40 und Vorstandsvorsitzende ist, und: "Mach die Jacke zu, es ist kalt." Am liebsten würden sie der 45-jährigen Vorstandsvorsitzenden noch persönlich den Reißverschluss hochziehen.

Garderobier im Nachtlokal 'Pimpernel' in München, 2010

Vorsicht vor dem Dieb: Der Garderobier im Pimpernel.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Britische Mütter hingegen scheinen diese Sätze nicht zu kennen, oder sie kommen nicht bei ihren Kindern an, weil der Teekocher zu laut blubbert. Deshalb haben Briten im Winter ein Problem weniger beim Ausgehen: Sie müssen nicht darüber nachdenken, was sie mit sperrigen Mänteln anstellen.

Sie ziehen einfach das an, was sie für angemessen für heiße, enge Tanzflächen halten (wenig Stoff, viel Glitzer) und ignorieren, dass sie auf dem Weg von der heimischen Laura-Ashley-Kuscheldecke bis zum Club oder Pub längere Zeit Temperaturen ausgesetzt sind, bei denen selbst der Earl Grey einfrieren würde. "Ich nehme keinen Mantel mit, weil der sonst doch nur geklaut wird oder jemand draufkotzt", erklärte eine Engländerin auf Nachfrage der SZ.

In München granteln die Mütter offenbar lauter, deshalb geht man hier wohlig warm in Wintermontur vor die Tür und steht genervt da, wenn man angekommen ist. (Außer in der Favoritbar, wo es in den letzten beiden Wochen so kalt war, dass man eh nichts ausziehen wollte.)

Im Holy Home legt man den Mantel über den Barhocker, auf dem man sitzt, und macht mit den Schuhen die Kapuze schneematschig. Im Herr Hotter steht man eine halbe Stunde blöd rum, bis das vollkommen überforderte Garderobenpersonal einen freien Kleiderbügel entdeckt hat. Und im Pimpernel flucht man, weil dort Menschen wie der am Werk waren, der in dieser Woche mit vier übereinander gezogenen Jacken auf einmal den Laden verlassen wollte - allerdings nicht wegen der besorgten Ermahnungen seiner Mutter. Einen Dieb hat keiner lieb. Man möchte ihm glatt wünschen, dass bald eine Engländerin mit akuter Magenverstimmung seinem Mantel begegnet.