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Szenario:Das mürrische Alter fern

Oberbürgermeister Dieter Reiter (links) verabschiedet Stadtkämmerer Ernst Wolowicz, der seine Frau Kleo mitgebracht hat.

(Foto: Catherina Hess)

Kämmerer Ernst Wolowicz wird verabschiedet - und freut sich auf den Ruhestand

Natürlich kommt ein Zitat aus dem Lateinischen. Die Steilvorlage dafür hat Kämmerer Ernst Wolowicz in vielen Haushaltsreden selbst geliefert, in denen er seine trockenen Zahlen damit aufhübschte. Nun steht der Kämmerer im großen Rathaussaal an fast genau der Stelle, von der er in vielen Sitzungen verfolgt hat, wie der Stadtrat gegen seinen Willen das Geld der Bürger verpulverte. Das wird er an diesem Mittwoch ein letztes Mal vor seinem Ruhestand tun, weshalb Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) ihn auf dem Abschieds-Empfang mit einem Horaz-Zitat in den neuen Lebensabschnitt schickt: "Frage nicht, was morgen ist, und nimm jeden Tag, den das Schicksal dir schenken wird, als Gewinn, und weise süße Liebe und Tanz nicht von dir, solange du noch kräftig bist und das mürrische Alter fern."

So wie Wolowicz aussieht, ist er in diesem Moment sehr zufrieden mit seinem Zögling. Die beiden haben ein besonderes Verhältnis: Der Oberbürgermeister lernte als zweiter Mann in der Kämmerei unter Wolowicz, wie sich Verwaltung und Politik geschickt verbinden lassen. "Ohne deine Unterstützung stünde ich heute hier nicht als OB", sagte Reiter. Das bezog sich vermutlich nicht nur auf Feinheiten des Haushalts, sondern auch auf das strategisch-politische Denken, das Wolowicz stets auszeichnete. Das sagt jedenfalls ein anderer der drei SPD-Oberbürgermeister, denen Wolowicz diente. "Er war über Jahrzehnte der Vordenker des Rathauses", erklärte Christian Ude, der zum Abschied des Weggefährten ins Rathaus gekommen ist. Ebenso wie die Ehrenbürger Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, der Herzchirurg Bruno Reichart und die frühere Bürgermeisterin Gertraud Burkert. Auch viele aktive und ehemalige Stadträte sowie Freunde und Begleiter, die Wolowicz in 33 Jahren bei der Stadt erlebt haben, lassen ihn hochleben.

Manche Geschichte macht die Runde über den arbeitswütigen, altlinken Sozialdemokraten, dessen Loyalität sagenumwoben ist. Als einmal Christian Ude, der damals noch für Georg Kronawitter arbeitete, wissen wollte, wie Wolowicz sich im Magazin Spiegel zum Asylrecht äußern werde, vertröstete dieser seinen künftigen Chef drei Tage vor der Veröffentlichung: Sag ich dir nicht, ich bin sehr verschwiegen, davon wirst du auch noch sehr lange profitieren. Mehr als 20 Jahre wurden daraus. Wolowicz überrascht in seiner Rede mit einem neuen rhetorischen Dreh, einer Abkürzung: Er erlebe mit dem Ruhestand keinen GAU, er werde sich seinem GAG widmen: dem größten anzunehmenden Glücksfall, seiner Frau Kleo.