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SZenario:"Darf ich dich umarmen?"

Die irre Premierenfeier von "Fack ju Göhte 2" mit 3000 Gästen ist wie der Film: Zum Teil wahnsinnig komisch, aber an manchen Stellen auch überdreht und sogar rührend

Von Philipp Crone

Elyas M'Barek dreht sich zu den hinter einer Absperrung gequetschten Mädchen und legt den Zeigefinger auf seine Lippen. Er meint: Hört kurz auf zu kreischen, ich muss ein Interview führen. Die Mädchen verstummen und sehen ihm mit einem Lächeln zu, das verrät, wie sie sich gerade mit dem 33-Jährigen an einen Karibikstrand träumen.

Dass der umschwärmte Hauptdarsteller seine Fans bei der Premiere von "Fack ju Göhte 2" am Montag im Mathäserkino dirigiert, wann sie ausflippen dürfen und wann nicht, ist nur eine Nuance an diesem irren Abend. Die Mädchen sind schon seit dem Mittag am roten Teppich, der sich vom Rückeingang des Kinos etwa 100 Meter weit erstreckt, vorbei an den Fotografen und Reportern und gesäumt von Hunderten jungen Menschen. Darstellerin Jana Pallaske sagt: "Da haben wir wohl den Zeitgeist getroffen." Und wie.

Man könnte ja meinen, dass dieses abgefahrene Abenteuer mit M'Barek als Lehrer Zeki Müller und seinen handgreiflichen Erziehungsmethoden auch deshalb mit 7,3 Millionen Kinobesuchern so erfolgreich war, weil es eine überzeichnete Geschichte ist, all die surrealen Figuren mit ihrer Straßen-Sprache. Doch das trügt. Am Eingang, wo die Limousinen der Darsteller vorfahren, unterhalten sich zwei Teenagerjungs, die Autogrammkarten von Nebendarsteller und Rapper Farid Bang und Karoline Herfurth in der Hand halten. "Alta, von der willstu Autogramm? Wie gay, du Opfa!" Neben ihnen stehen vier Mädchen, die mit türkisem und violettem Lidschatten in das auf ihren Selfie-Stick gespießte Handy winken. Besser könnte das auch Jella Haase, die im Film als Vorzeige-Prolltussi Chantal durch die Schule läuft, nicht spielen.

An M'Barek haben die ersten 50 Meter an der Absperrung entlang schon sichtlich Spuren hinterlassen. Seine Hand ist blau von den hektisch hingehaltenen Filzstiften, sein Selfie-Lächeln wirkt bei jedem Mal etwas festgezurrter, aber so ist das eben, wenn man "die größte Premiere, die es nach meiner Erinnerung in München gegeben hat" feiert, wie es Martin Moszkowicz sagt. Er ist Chef der Constantin-Film, die den Film produziert hat. Katja Riemann rennt so derart aufgedreht über den Teppich, dass man fast fürchtet, M'Barek zückt gleich, wie im ersten Film, sein Paintball-Gewehr, um sie zur Besinnung zu bringen. Riemann filmt, springt, küsst, und Bora Dagtekin, der Regisseur, grinst ihr nur hinterher, während er in ein Mikrofon sagt: "Der Plan war einfach nur, dass der zweite Teil nicht scheiße wird." Klare, eindeutige Sprache, nicht nur im Film.

M'Barek sagt zwischen zwei Kreischwellen: "Das ist schon ein Wahnsinnsempfang." Und doch merkt man ihm ein wenig an, wie ihn der ganze Hype verändert hat. War der Kinofilm "Türkisch für Anfänger" 2012 noch ein Überraschungserfolg mit einem fröhlichen M'Barek, der die Premiere in vollen Zügen genoss, machte er bei der "Fack ju Göhte"-Premiere 2013 schon einen viel routinierteren Eindruck und an diesem Abend wirkt er zuweilen auch einfach genervt von der erdrückenden Zuneigung. Gleichzeitig ist er sehr bemüht, sich das nicht anmerken zu lassen. Man kann das hören, wenn er spricht. Und er spricht dauernd. Mit Reportern und Fans, da hat er dann so ein vorschriftsmäßiges Premierenlächeln im Gesicht und antwortet freundlich, mit einem Schuss Bosheit, wie es Zeki Müller im Film auch macht.

Spricht der 33-Jährige aber zum Beispiel mit seinem Regisseur, dann ist da manchmal der echte M'Barek zu sehen, der sich kaputtlachen kann. "Hühühühühü", klingt das dann, wie ein alter Anlasser. Bei der Frage, wann der dritte Teil kommt, schauen sich beide an, und M'Barek sagt: "Wir machen keinen dritten, wir machen gleich den vierten, hühühühü." In dem Moment sieht er Gina, ein zwölfjähriges Mädchen, das ihn seit Minuten anstarrt. Er holt sie zu sich, sie fragt: "Darf ich dich umarmen?" M'Barek umarmt sie, schließt für eine Sekunde die Augen und genießt. Ein echter Moment an diesem Abend.

Auch im Film wechseln die Emotionen, mehr als beim ersten Teil. Es gibt irrsinnig gute Gags, etwa das Handy-Waterboarding, ein paar arg überdrehte Sequenzen wie die Waisenhaus-Gang in Thailand, aber auch nachdenkliche Momente.

Nach der Premiere stehen die beiden coolen Jungs mit den Farid-Bang-Autogrammkarten auf der Straße, erzählen sich begeistert Filmszenen, dann laufen sie der Limousine mit dem Darsteller nach. "Krass!", sagt der eine verträumt, "isch habe ihn gesehn." Regisseur Dagtekin hat das Lebensgefühl vieler junger Leute offenbar wieder sehr gut getroffen.

© SZ vom 09.09.2015
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