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SZ-Serie: Theatertagebuch, Folge 1:Zu nah

Falk Richter

Falk Richter.

(Foto: Esra Rotthoff)

Neue Erfahrung an den Kammerspielen Von Falk Richter

Von Falk Richter

Falk Richter, von der nächsten Saison an leitender Regisseur an den Münchner Kammerspielen, probt derzeit dort "Touch". Am 8. Oktober soll es die Saison eröffnen, eine Produktion mit Tanz und Schauspiel, für die ein zehnseitiges Hygienekonzept nötig ist. Bis zur Sommerpause und dann wieder Anfang September wird Richter in loser Folge über Probenarbeit unter besonderen Bedingungen berichten. Falk Richter, geboren 1969 in Hamburg und Autor zahlreicher Stücke, wurde 2018 in der Umfrage von Theater heute zum Regisseur des Jahres gewählt; seine Hamburger Inszenierung von Elfriede Jelineks "Am Königsweg" war gleichzeitig die Inszenierung des Jahres.

"Das ist zu nah, wenn er sich schneller bewegt, müssen die anderen von der Bühne, ohne Mundschutz braucht er da mehr Abstand, stop, entschuldige, aber das geht nicht, die beiden bewegen sich zu schnell, dann stimmt der Abstand nicht mehr." Das ist neu: Hinter mir steht eine Aufsichtsperson, die Proben ausschließlich nach den Kriterien der Sicherheitsabstände überwacht und freundlich aber bestimmt eingreift, wenn irgendwer die Regeln verletzt. Bei einem Projekt mit dem Titel "Touch", das Tänzer und Schauspieler aus vielen Ländern zusammenbringt, ist das nicht immer einfach, nein, es erscheint in den ersten Tagen sogar auf zermürbende Weise unsinnig.

Wir alle kommen aus den unterschiedlichsten Lockdown-Erfahrungen nach München. Einige wurden in den Banlieus von Macron rigide eingesperrt und durften wochenlang nur für eine Stunde die Wohnung im Umkreis von einem Kilometer verlassen und hörten dann stets den sirrenden Sound von Überwachungsdrohnen über sich. Andere kamen gerade von den "Black Lives Matter"-Demos in Berlin und haben sich nach Wochen der Vereinzelung das erste Mal wieder als politisch denkende und handelnde Menschen in der Gemeinschaft Gleichgesinnter gespürt. Fast alle waren gefühlsmäßig zurück in die Teenagertage gewandert, denn plötzlich war da wieder eine höhere Instanz, die uns verbieten konnte, unsere Freunde zu treffen. Sex mit Fremden waren ohnehin verboten, man wüsste auch gerade gar nicht, wie man irgendwen kennen lernen sollte.

Jetzt also sitzen wir da, aufgeregt, nervös, nach wochenlangem Gemeinschaftsentzug, die Tänzer haben ihre Körper seit Monaten kaum mehr bewegt. Immerhin: Jeder hat es über die Grenze geschafft. Nur die schwedische Tänzerin darf am ersten Tag noch nicht dabei sein. Sie muss sicherheitshalber getestet werden. Nach einer kurzen Begrüßung werden die Sicherheitsvorschriften verlesen, die sind komplex, es dauert. Meist gibt es im Hauptsatz eine rigide Bestimmung, die dann im Nebensatz auf etwas nebulöse Art wieder gelockert wird. Wir dürfen uns nicht berühren. Oder nur mit Schutzhandschuhen. Wir müssen anderthalb Meter Abstand halten. Nicht aber, wenn wir Masken tragen. Nicht mehr als 18 Leute dürfen zur selben Zeit im Raum sein. Bei 13 Performern und Perfomerinnen, einem Regisseur und einer Choreografin bleiben fünf freie Plätze für alle Assistentinnen, Souffleuse, Inspizientin, Bühnenbildnerin, Kostümbildner, Videokünstler, Musiker. Wenige Tage später wird diese Auflage etwas gelockert. Es dürfen nun mehr Leute in den Probensaal, aber sie dürfen sich nicht bewegen.

Wir lernen, dass es drei Arten gibt, zu tanzen: Mild, moderat und exzessiv. Wer exzessiv tanzt, braucht sechs Meter Abstand. Das vermindert die Anzahl der auf der Bühne zugelassenen Schauspieler und Tänzer schlagartig von 13 auf 3. Das gleiche gilt für lautes Sprechen. Wer sehr intim in ein Mikrofon spricht oder sehr zart singt, der braucht nur 1,50 Meter Abstand. Und für die moderate Mittellage braucht es aktuell vier Meter Abstand. Damit scheint die atmosphärisch inhaltliche Ausrichtung des Abends erst mal vorgegeben: Zart, vorsichtig, tastend, ruhig, hyperwachsam. Nähe, Rausch, Exzess? Schwierig. Was gerade noch als moderat gilt, das lässt Spielraum für Spekulation und Verwirrung: Tanze ich jetzt schon exzessiv? Tanzt mein Partner jetzt gerade exzessiv, und muss ich deshalb die Bühne verlassen? Der Jogger im Park, der ohne Maske an mir vorbeirauscht, ist der exzessiv oder moderat? Mikrofone müssen nach Gebrauch sofort desinfiziert werden, Requisiten dürfen nicht weitergereicht werden, jeder darf nur sein eigenes Kostüm tragen, seinen eigenen Stuhl anfassen.

Wie aber kann man sich auf Abstand berühren, wie kann auf Distanz Nähe hergestellt werden? Der Kostümbildner Andy Besuch lässt Schutzanzüge anfertigen. Drei Virologen kommen zur Abnahme auf die Probebühne. Wir stehen uns gegenüber. Zwei Tänzer demonstrieren in den Anzügen die von uns angedachte Sequenz. Alle bemühen sich darum, äußerst locker zu bleiben. Nur einmal droht die Stimmung kurz zu kippen. Eine Virologin deutet an, dass sie leichte ästhetische Probleme mit der Szene hat. Ähm, darum sind Sie aber nicht hier! Sie sollen uns was zu Aerosolen sagen, mehr nicht!

Ich mag München. Ich freue mich, an den Kammerspielen zu arbeiten und Teil eines neuen Leitungsteams zu sein. Dies ist ein großartiges Haus, tolle Mitarbeiter, großartige Schauspieler, aufregende, neue Tänzer! Das sage ich mir immer, wenn mich kurz das Nordkorea-Gefühl überkommt von wegen "Das geht nicht, das ist nicht möglich". Wir gehen es pragmatisch an: Es gibt eine neue Matrix und mit der müssen wir jetzt umgehen und uns darin kreative Freiräume schaffen.

Die Auflagen sind streng, die Deutsche Bahn und die Lufthansa nehmen es da derzeit nicht so genau wie wir. Nach der Probe geht man gemeinsam in den Englischen Garten und sieht, wie sich dort Gruppen junger Menschen in Gelassenheit üben und sich des Lebens freuen - man denkt: Was machen wir hier eigentlich? Sind wir Theatermacher jetzt die Musterschüler der Nation geworden, brav, einsichtig und folgsam, während draußen das wilde Leben tobt? War das nicht mal umgekehrt? Wie definieren wir jetzt unsere Position in der Post-Lock-Down-Gesellschaft? Welche Rolle wollen wir spielen? Wir bleiben dran und probieren weiter.

© SZ vom 04.07.2020

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