bedeckt München

SZ-Serie: Münchner Schmuckkunst, Folge 7:Triumph des Tastsinns

Barbara Schrobenhauser und der Reiz des Unauffälligen

Von Ira Mazzoni

Ich bin nicht so der Werkstatt-Typ", erklärt Barbara Schrobenhauser lachend. Zwei Tage in der Woche unterrichtet die Künstlerin in der Städtischen Fachoberschule für Gestaltung. Die Anstellung sichert ihren Lebensunterhalt und hilft ihr gerade über die lähmende Zeit der Pandemie hinweg. Prinzipiell befreit sie die Lehrtätigkeit vom kontraproduktiven Wettbewerbs- und Erfolgsdruck. Barbara Schrobenhauser braucht Zeit, um neue Themen zu finden. Das war im Studium so und hat sich auch in der siebenjährigen Praxis als freischaffende Künstlerin bewährt. Der Ort, an dem Sie ihre Projekte in Ruhe entwickeln kann, ist eine helle Souterrain-Werkstatt in einem quirligen Handwerker-Hof in Sendling. Die Werkstatt teilt sich die Goldschmiedin mit drei weiteren Schmuckkünstlern. Selten arbeiten die vier gleichzeitig in dem großen Raum. Aber jeder nimmt Teil an dem, was gerade entsteht.

Mit 16 Jahren hat Barabara Schrobenhauser den elterlichen Hof im Chiemgau verlassen, um an der staatlichen Berufsschule für Glas und Schmuck Kaufbeuren-Neugablonz das Goldschmiede-Handwerk zu lernen. Beinahe acht Jahre lang hat sie dann in verschiedenen Werkstätten gearbeitet. Danach war ihr klar, dass Reparaturen nicht ihr weiteres Berufsleben bestimmen sollten. Die Lust mit Edelmetallen zu arbeiten war ihr vergangen. Während des Studiums in München fand sie dann den ihr angemessenen Platz in der Papierwerkstatt der Akademie und begann dort mit dem Werkstoff zu experimentieren.

In Sendling experimentiert Barbara Schrobenhauser mit verschiedenen Werkstoffen.

(Foto: Catherina Hess)

Das war der Durchbruch. Ihren ersten Werkzyklus taufte sie: "Die Zeit auf meiner Seite". Die Stücke sind der Künstlerin so wichtig, dass sie unverkäuflich sind. Vorsichtig hebt sie einen scheinbar matt polierten ockerfarbenen Stein aus einer grauen Schachtel. Dazu setzt sie einen Granitbrocken. Nimmt man die vermeintlichen Steine auf, ist man überrascht von ihrer Leichtigkeit. Dreht man sie um, sieht man die feine Broschierung auf dem engen Rand des nahtlosen, hauchdünnen Papierkörpers.

Wie so oft bei den Arbeiten von Barbara Schrobenhauser triumphiert der Tastsinn über den Sehsinn. Und das Staunen beim Begreifen wird durch die Schilderung der Technik gesteigert. In der Akademie-Werkstatt hat Schrobenhauser ein Papierguss-Verfahren in verlorener Form entwickelt. Auch die Rezeptur des Papierbreis ist ihre eigene. Da kommen Extrakte der Conchenilleschildlaus genauso zum Einsatz wie Glaspigmente oder Basaltsand. Die "Steine" sind nicht bemalt, sondern kommen, nach einem sehr langen Trocknungsprozess, so nahtlos glatt und mattglänzend farbig aus der aufgebrochenen Form, wie sie dann als Brosche die Augen des Betrachters irreführen. Nach dem Papierguss wandte sich Schrobenhauser neuen Materialien und Techniken zu. Maximal zehn Stücke machen einen Werkzyklus. Dann treibt die Neugier und die handwerkliche Intuition die Künstlerin zu anderen Experimenten. Zuletzt beschäftigten sie textile Techniken.

"Vom Tragen und Halten" erzählen die Ketten, für die die Künstlerin alte Holzgriffe miteinander verwebt oder verflicht. Anstoß gab ein Fund auf dem Dachboden der Großmutter: ein unscheinbarer Knebel, der einst dazu diente, Heubündel zu verschnüren. Schrobenhauser verwandelte das vergessene Stück in einen schlichten Anhänger, der bei einer niederländischen Schmucksammlerin auf spontane Sympathie traf. Die Sammlerin eröffnete der Künstlerin, in schwierigen Gesprächssituationen halte sie sich gerne an dem unscheinbaren Stück fest.

Die anderen Ketten des Zyklus, die auf den ersten Blick wirken wie Readymades, sind weitaus massiver. Auch sie initiieren körperliche Verhaltensweisen. An den Gurten kann man sich festhalten wie an einem Hosenträger. Ein Schoßkind kann sich an die hölzernen Griffe klammern oder sich daran aufrichten. Im Streit könnte die Kette aber auch Angriffspunkt werden. So handgreiflich ist die Kommunikationsfunktion von Schmuck selten verdeutlicht worden.

© SZ vom 21.11.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite