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SZ-Serie: Münchner Schmuckkunst, Folge 5:Eine Frage der Objektive

Goldschmied Jiro Kamata arbeitet mit Kameralinsen. 500 Stück hat er in diesem Jahr schon aus ihrer Fassung gelöst, um an die speziellen Steine zu kommen - für seinen Schmuck mit faszinierenden Lichteffekten

Von Ira Mazzoni

Jiro Kamata löst für seine Schmuckarbeiten die Linsen aus Kameraobjektiven und verarbeitet sie weiter.

(Foto: Catherina Hess)

Jetzt beginnt wieder die Zeit des Spielens", sinniert Jiro Kamata und lässt seinen Blick über die Objektivlinsen streifen, die er gerade vom Bedampfen zurückerhalten hat. Auf Küchenpapier ausgelegt, funkeln die Linsen in kräftigen Regenbogenfarben. Nimmt man eine solches Glas auf und dreht es zwischen den Fingern gegen das Tageslicht, das durch die hohen gesprossten Fenster des Ateliers flutet, dann wechseln die reflektierten Farben in ein anderes Spektrum. Durch die rückseitige, opake Beschichtung und den speziellen Schliff der optischen Gläser besitzt das brillierende Objekt eine beachtliche räumliche Tiefe, in die sich der bewundernde Blick verliert und spiegelt. 500 Kameraobjektive hat der Goldschmied in diesem Jahr schon demontiert, um an seine lichtsprühenden "Edelsteine" zu kommen. In den nächsten Wochen wird er für die Linsen die passenden Fassungen für Ketten, Broschen oder Ringe entwickeln. "Ich muss das Material fragen, was es werden will." Im genauen und bewussten Spiel unter dem klaren Atelierlicht wird Kamata eine neue Geschichte finden, die er über Erscheinung und Wahrnehmung mitteilen will.

Bis vor wenigen Tagen hatte Jiro Kamata alle Hände voll zu tun, seine Ausstellung in der Galerie Kunst und Handwerk zu konzipieren und zu arrangieren. Es ist die komprimierte Fassung seiner Werkschau "Voices", die bis August im Alien Art Centre in Kaohsiung Taiwan zu sehen war. In einer jeweils eigenen, der Theaterwelt entlehnten Szenografie, präsentiert der Künstler alle Werkzyklen der letzten 20 Jahre: Von den ersten goldenen Tesa-Ringen über die schmetterlingsgleichen Broschen aus farbigen Sonnbrillengläsern bis hin zu den Arbeiten mit Spiegeln, alten Kameraobjektiven und Dichroitischen Filtern, die bestimmte Lichtfrequenzen transmittieren und andere reflektieren, wobei der Stand der Lichtquelle und des Betrachters für jeweils andere Farbwahrnehmung sorgen. In flache Reifen geschwärzten Silbers gefasst und minimalistisch zu starken Ketten verbunden, entfalten die Schmuckstücke Kamatas ihre Wirkung erst in Bewegung. Deswegen hat der Perfektionist die Galerie mit dichroitischen Folien in transitorische Farbräume verwandelt, die seinen Arbeiten in den Augen der vorbeiziehenden Ausstellungsbesucher Leben geben.

Man könnte Kamatas Schmuckkunst als Lichtbildnerei bezeichnen.

(Foto: Catherina Hess)

Man könnte Kamatas Schmuckkunst als Lichtbildnerei bezeichnen. Indem der Goldschmied alte Kameraobjektive neu einsetzt, stellt er sich in die mediale Tradition der Fotografie. Manchmal fragt er sich, was diese Objektive schon alles gesehen haben: Generationen von Familien, Reiseeindrücke, Unglücke. All diese mit dem Objektiv verbundenen Geschichten können für den, der sie als Schmuckstücke trägt von Bedeutung sein. Müssen es aber nicht.

Diese Objektive empfangen weiterhin Licht, aber sie zeichnen nichts mehr auf. Sie fokussieren nur noch scheinbar die Außenwelt. Wer immer Jiro Kamatas Schmuck anlegt, wird zu einer Lichtgestalt und hält denen, die unweigerlich aufmerksam werden, ein changierendes Spiegelbild vor.

Die Ketten und Ringe fangen das Licht auf besondere Art ein.

(Foto: Catherina Hess)

Die Ausstellung im Taiwanesischen Alien Art Centre wurde nach der vorübergehenden, pandemiebedingten Schließung zwei Mal verlängert. Zehn Monate lang waren Kamatas Werke dort in unmittelbarer Nachbarschaft zu James Turrells Lichtinstallation Corinth Canal zu sehen. Das Publikum kam nicht nur einmal, sondern immer wieder. Menschen, die nie zuvor etwas von zeitgenössischer Schmuckkunst gehört hatten, zeigten sich fasziniert von der Präsenz der Stücke und entdeckten wie Alice hinter den Spiegeln ein mögliches anderes Selbst.

500 Kameraobjektive hat der Goldschmied in diesem Jahr schon demontiert.

(Foto: Catherina Hess)

Zur Überraschung des Künstlers entschlossen sich viele Freunde des Museums zum Kauf. Mit soviel Resonanz und Erfolg hatte er nicht gerechnet. Sichtlich beeindruckt zeigten sich auch seine Eltern, Juweliere in Hirosaki in Nordjapan, die einst gehofft hatten, dass Jiro Kamata wie seine Brüder in ihr Geschäft einsteigen werde und es nur ungern sahen, dass er nach München ging, um dort Kunst zu studieren.

Voices - Jiro Kamata, Galerie Kunst und Handwerk des Bayerischen Kunstgewerbevereins, Parcellistraße 6, bis 21. November

© SZ vom 22.10.2020

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