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SZ-Serie: Münchner Schmuckkunst:Fingerspitzen-Gefühle

Gerd Rothmann ist bekannt für seine Körperabformungen. In seiner Kellerwerkstatt in der Isarvorstadt entwirft er Schmuck, der ohne Menschen nicht denkbar ist

Von Ira Mazzoni

Wer Gerd Rothmann in der Isarvorstadt besucht, der muss sich Zeit nehmen für viele anrührende wie verstörende Geschichten, die von Freunden, schönen Frauen, Großmüttern und ihren Enkeln handeln. Karton um Karton zieht er die musealen Replikate seines Lebenswerks aus dem Archiv-Regal und erzählt von seinen Auftraggebern und Mäzenen. Schmuck ohne Menschen kann sich Rothmann nicht vorstellen: "Ich mache Schmuck für Jemanden." Für seine freien Arbeiten lässt er sich von Fotografien, Zeitungsbildern und Malerei inspirieren. Früher saß er häufig im Café und beobachtete die Frauen um ihn herum, ihre Körperhaltung, ihre Bewegungen, ihre Gesten. So kann er sich die Adressatinnen seiner Schmuckkunst einbilden, um für sie Armreife, Ketten, Ringe oder Ohrgehänge zu schaffen, die unverkennbar den Fingerabdruck des Künstlers tragen.

Rothmann ist weltbekannt für seine Körperabformungen. Sein Werkverzeichnis 1967 bis 2008 ist ein dicker Wälzer von mehr als 400 Seiten. Das Dummy für den Folgeband liegt auf dem Tisch. Das Cover soll einen Schienenring am hochgestreckten schmutzigen Finger zeigen - Pose seiner Rebellion gegen Konventionen. Seit 1976 rückt der Goldschmied seinen Freunden und Förderern buchstäblich auf den Leib. Auslöser war die vierte Documenta, die Harald Szeemann dem Realismus und privaten Mythologien gewidmet hatte. Rothmann legte seinen Plexiglas- und Designschmuck beiseite und wurde - provozierend körperlich. Für einen befreundeten Maler fertigte er eine metallische Achillesferse. Einem Kunstsammler verpasste er eine goldene Nase. Das war mehr Happening als Schmuck. Als die von Hermann Jünger und seiner Akademieklasse im Lenbachhaus inszenierte Ausstellung "Körper-Zeichen" von der Kestner-Gesellschaft nach Hannover bestellt wurde, war Rothmann als Externer mit dabei. Zusammen mit Otto Künzli verfasste er nicht nur ein kontroverses Manifest, sondern 1982 auch eine Galerie-Ausstellung in Wien mit dem bezeichnenden Titel "Körperkultur".

Eine für Rothmann typische Auftragssituation muss man sich so vorstellen: Ein Architekt sucht ein intimes Geschenk für seine Frau. Der Goldschmied schlägt nach einigem Überlegen vor, ein breites Armband mit dem Abdruck vom Handgelenk des Ehemanns zu formen. Als Rothmann später bei einer Abendgesellschaft die Frau im Kreis ihrer Freundinnen wiedersah und bemerkte, wie diese während des ganzen Gesprächs liebevoll an dem ihr Handgelenk engumschließenden Goldband mit dem sehnigen Hautabdruck ihres Mannes entlang strich, war er, der Künstler, tief berührt.

Rothmann hat Schlüsselbein und Ohrläppchen abgeformt und in Gold oder Silber nachgearbeitet. Immer wieder hat er Familienstücke mit den Fingerabdrücken aller Generationen hergestellt. Neben Schmuck widmete sich Rothmann weiterhin dem Gerät: Silberne Taufschalen mit dem Fußabdruck des Sprösslings oder - für eine belgische Kundin - einen Kerzenhalter, der die Asche des verstorbenen Mannes aufnehmen kann. Auf den Tischen seiner großen Kellerwerkstatt, nur wenige Straßen von der Wohnung entfernt, finden sich etliche seiner maßgeblichen Formteile, von der Gipsbüste bis zu den säuberlich nummerierten wächsernen Fingerkuppenmulden.

Seine jüngste Serie, die er in der Corona-Klausur entwarf, wirkt geradezu blumig heiter. Mit seinem Daumen hat der Goldschmied rosenblattgleiche Formen modelliert, in Silber ausgegossen und rückseitig beweglich montiert, so dass sich die dichten Blätter am Hals oder am Armgelenk hautnah bewegen können. Einzelne der silbernen Daumenschalen hat Rothmann gelb, orange oder grün bemalt. In den Daumenrillen hält sich die Farbe auch ohne Einbrennen, sagt der Goldschmied, der für eine "schöne Sinnlichkeit" arbeitet. Schmuck ist für ihn dabei das direkteste künstlerische Medium.

Gerd Rothmann: Fast absichtslos gestaltet, Ausstellung in der Galerie Biró, Zieblandstraße 19, bis 17. Oktober, Di. bis Fr. 15-18 Uhr, Sa. 11-15 Uhr

© SZ vom 09.10.2020
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