bedeckt München 16°

SZ-Serie: Lichtspiele, Folge 9:Das Lebensfenster

Zwölf Glasfelder mit eingebrannten Erden aus der Fasanerie-Nord, aus Rom und aus dem KZ Oranienburg erinnern in St. Christoph an Prälat Michael Höck. Eine mutige Predigt in der kleinen Kirche hatte den NS-Gegner einst in Lagerhaft gebracht

Glasfenster und Bildstock alte  Kirche. St. Christoph

Unter der Empore, nahe dem neuen Fenster, stand der Gestapo-Spitzel und meldete Prälat Höck nach einer Predigt den Nazis.

(Foto: Corinna Guthknecht)

Die Schrift ist zierlich. Ohne Schnörkel. Nur die Anfangsbuchstaben wie das G oder das Z sind groß geschwungen, haben etwas Fließendes. Auf der Rückseite der bräunlich verfärbten Postkarte wäre noch mehr Platz gewesen für eine Nachricht an seine Lieben, seine Freunde. Er hätte klagen, mit seinem Schicksal hadern können, doch Michael Höck (1903-1996) entscheidet sich anders. Er schreibt am 10. Januar 1945 nur elf Worte. Aus dem Block 31 im Konzentrationslager Dachau, Nummer 26 678. "Einen schlichten Gruß aus meiner Einsamkeit zum Zeichen steten treuen Gedenkens." Auf einer anderen Postkarte schickt er am 23. März 1944 einen "herzlichen Ostergruß" an Therese Hastreiter.

"Das war meine Großmutter", erzählt Johann F. Sammer und steckt die beiden Postkarten vorsichtig, fast liebevoll wieder in die Klarsichthülle zurück. In einen Ordner, in dem er, fein säuberlich geordnet, vieles über den Prälaten Höck gesammelt hat, der von Dezember 1940 bis Mai 1941 als Kurat Seelsorger in der Alten Kirche St. Christoph war. St. Christoph und Michael Höck - beides gehört zusammen, die Geschichte des alten Kirchleins am Blütenanger und die Biografie des beliebten Geistlichen aus der Fasanerie-Nord. Der Mann habe, so wird laut Sammer immer wieder erzählt, für jeden in der Gemeinde stets ein gutes Wort übrig gehabt. Er sei bescheiden gewesen, aber auch mutig. Als Schriftleiter der Münchner Kirchenzeitung lässt er immer wieder zwischen den Zeilen seine Ablehnung des Nationalsozialismus erkennen. Er will sich nicht abfinden mit den politischen Prozessen, mahnt. Fortan hat ihn die Gestapo im Visier. Am 22. Mai 1941 hält er eine Predigt in St. Christoph. Spricht über Humanismus und das Gegenteil: Unmenschlichkeit. In Systemen, in der Politik. Ein Gestapo-Spitzel hat sich frech unter die Gläubigen gemischt. Er steht unter der Empore, am Glasfenster der Kirche. Einen Tag später wird Prälat Michael Höck verhaftet. In der Volksschule Feldmoching abgeholt, mitten im Religionsunterricht. Der Geistliche kommt in das Untersuchungsgefängnis am Alexanderplatz in Berlin. Von Mai 1941 bis April 1945 ist er in den Konzentrationslagern Oranienburg und Dachau interniert. Kurz vor Kriegsende wird Höck überraschend entlassen. Sein Glauben hat ihm mit Sicherheit Kraft gegeben und wohl auch das Bewusstsein, dass Menschen in seiner Gemeinde im Münchner Norden an ihn gedacht haben. "Eine Bekannte meiner Großmutter, eine Gärtnerin", so erzählt Sammer, "hat Höck und die Inhaftierten unter Einsatz ihres eigenen Lebens mit Essen versorgt". Die "Stocker-Mutter" heißt sie in der Fasanerie.

Im dicken Ordner von Johann F. Sammer gibt es noch einen anderen Unterordner: mit Skizzen und Unterlagen zur Planung eines neuen Glasfensters in der Alten St.-Christoph-Kirche. Bis heute hat die 1927 eingeweihte Kirche eigentlich schlichte, weiße und in kleine Rechtecke gefasste Fenster. Seit 2018 aber ist eines davon eine Art spirituelles Gemälde, das sich erst dann in seiner Kraft erschließt, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Denn die zunächst ganz unscheinbar, unspektakulär wirkenden, mal pastosen, mal ganz klaren Glasscheiben, erzählen eine Biografie: jene von Prälat Höck.

Auf die Frage, wie es überhaupt zu dem Glasfenster gekommen ist, beginnen Johann F. Sammer und der ehemalige langjährige Kirchenpfleger Joseph L. Weber mit der Geschichte der kleinen Kirche, die sie so sehr ins Herz geschlossen haben. Nicht nur weil Weber 1970 "hier" - und er lächelt stolz - geheiratet habe, sondern weil sie das Kirchlein, das durch viele Umbrüche im Ort plötzlich so aus dem Lebensmittelpunkt der Gemeinde herausgefallen war, 1977 sogar abgerissen werden sollte, bewahren wollten. Sie kämpften für den Sakralraum, schützten die alte Ausstattung, kümmerten sich um eine Orgel, Bänke und sammelten unermüdlich Spenden. "Sie haben die Herzen der Menschen im Ort erreicht", sagt Pfarrer Johannes Kurzydem. Und irgendwann stand dann die eigentlich sehr nahe liegende Idee im Raum, etwas in der Kirche auf künstlerische Weise Prälat Michael Höck zu widmen. Es wurde das Fenster. Und natürlich jenes, in dessen Nähe der Gestapo-Spitzel am 22. Mai 1941 gestanden war.

Höck wurde am nächsten Tag verhaftet und kam in das Konzentrationslager Dachau. Von dort schrieb erPostkarten an seine Gemeinde.

(Foto: oh)

Ekkeland Götze, der 1948 in Dresden geborene und in München lebende Künstler, arbeitet seit 1989 mit Erden. Egal, wohin er reist - nach Neuseeland, nach Afrika - der Griff zum Boden ist eine fest in ihm verwurzelte Bewegung. "Die Erde ist ein Element", sagt er, "auf ihr stehen wir, sie ist unser Halt". Und er macht deutlich, dass es ihm bei allen Erdproben, die er beutelweise nach Hause mitnimmt, nie nur um das Material oder um die Beschaffenheit geht, sondern um den Ort, von dem er die Erde mitnimmt. Ein Bild der Erde will er auf diese Weise zeichnen, also die Fundstelle mit seiner Geschichte verschmelzen.

Geschichte? Die von Prälat Höck ist eine. Und Fundstellen, die das Leben des Geistlichen nachzeichnen könnten, gibt es viele. Für Ekkeland Götze ist es eine Herausforderung, mit Hilfe seiner Terratechnik ein Glasfenster zu gestalten. "Das hatte ich noch nie gemacht und ich wusste nicht, ob das überhaupt klappen würde." Höcks Biografie gibt den Rahmen vor. Sein Geburtsort in Inzell, seine Gymnasialzeit in Scheyern, die Priesterweihe in Rom, seine Zeit in der Fasanerie, seine Internierung im KZ. An alle Orte reist Götze, er bückt sich wie so viele Male und sammelt die Erden. Er kratzt sie von der Außenmauer im KZ Oranienburg. Nur in Rom, dort studierte Höck und wurde zum Priester geweiht, war der Künstler nicht selbst. Die Erde kam über eine Pilgerin von Rom nach München.

Glasfenster und Bildstock alte  Kirche. St. Christoph

Pfarrer Johannes Kurzydem, Joseph L. Weber und Johann F. Sammer (v. l.) sind stolz auf das einzigartige Fenster.

(Foto: Corinna Guthknecht)

Zwölf biografische Daten hat Götze, zwölf Erden. Er präpariert sie, siebt und bindet die Partikel. Wie, das bleibt sein Geheimnis. Zwölf quadratische Glasfelder mit eingebrannter Erdschicht entstehen. Rund um die Felder gibt es noch einmal acht Fenster. Dort verarbeitet Götze die Erde, die er rund um St. Christoph gesammelt hat. Kein Fenster gleicht dem anderen. Das Lebensfenster, das seiner Freisinger Domzeit zugeordnet ist, schimmert graublau, jenes aus Rom leuchtet in Orange. "Die Seele des Ortes wird zum Bild", sagt Götze, der während des Prozesses nie wusste, wie die einzelnen Fenster aussehen würden.

Klar, ganz klar, ist das Glasfenster, das die Zeit der Internierung Höcks in das KZ Oranienburg markiert. Keine Verwaschungen, keine Einfärbungen - so als ob die schwere Zeit Höck nichts habe anhaben können, so als ob seine Seele trotz allem Schmerz frei gewesen sei. "Am Ende legt sich über alles eine Spiritualität, die nicht geplant war, sondern durch die Personifizierung der Fundstelle entsteht, durch die Erde, auf der der Mensch gestanden hat." Götze freut sich, dass das Experiment auf Glas gelungen ist. Es ist das erste Glasfenster weltweit, das mittels seiner Technik, der Terragrafie, entstanden ist.

Michael Höck (1903-1996)

Ein mutiger und liebenswerter Seelsorger: Prälat Michael Höck.

(Foto: privat)

St. Christoph ist ein Ort des inneren Rückzugs. Ob man dort beten will oder nicht. Er bietet die Chance, das Draußen auch draußen zu lassen. Aber auch der Geschichte nachzuspüren. Man sitzt auf der Kirchenbank und glaubt am Prälat-Höck-Fenster den Gestapo-Spitzel stehen zu sehen, würde den Geistlichen am liebsten warnen, die Geschichte verändern.

Pfarrer Johannes Kurzydem, Johann F. Sammer, Jospeh L. Weber sind glücklich über das neue Fenster. Alles hat sich miteinander darin verwoben. Das Leben Höcks, die Geschichte der Kirche und ihrer Gemeinde. Die Strahlkraft der Glasscheiben ist auch ein Symbol tiefer Religiosität. So enden Prälat Höcks Erinnerungen an die Haftzeit 1946 mit den Worten: "Du hast gelöst mein Trauergewand, mich gegürtet mit Freude, auf dass meine Seele Dir singe und nie mehr verstumme."

Segnung des "Prälat-Höck-Fensters" und der Christophstele, im Festgottesdienst, Sonntag, 21. Juli, 10 Uhr, Alte St. Christoph-Kirche, Pfarrer-Himmler-Straße 3; anschließend Festzug zur neuen Kirche, Am Blütenanger 7. In der SZ-Serie "Lichtspiele" wurde zuletzt unter dem Titel "Wie die Hand Gottes verschwand" die Glaskunst in der Pasinger Kirche St. Hildegard vorgestellt. Die Serie wird in loser Folge fortgesetzt.