bedeckt München 21°

Gestorbener Alt-OB:Schorsch, der Zuspitzer

Georg Kronawitter nach seiner Wahl, April 1984

Moosröschen fürs Volk: Georg Kronawitter bedankte sich nach dem Wahlsieg 1984 bei Bürgern.

(Foto: Neuwirth)

München hatte stets Charakter-Typen als Oberbürgermeister, aber keiner trug politische Konflikte so plakativ aus wie Georg Kronawitter.

München hatte Thomas Wimmer, den Anpacker. Hans-Jochen Vogel, den Modernisierer. Erich Kiesl, den Quirligen. Christian Ude, den Feingeistigen. Und hat neuerdings Dieter Reiter, den Kümmerer. Was aber ist das passende Etikett für Georg Kronawitter, dessen zweieinhalb Amtszeiten genau in der Mitte der Münchner Nachkriegsgeschichte lagen? Es waren die Zeiten von Georg Kronawitter, dem Zuspitzer. Keiner der großen Münchner Oberbürgermeister konnte politisches Geschehen so vereinfachen und dabei Frontlinien wie mit dem Messer gezogen aufbauen.

Wo Kronawitter war, da war Schwarz und Weiß. Hü und Hott. Wir oder die. Wo Georg, sprich: Schorsch, auftrat, da wurden Drachen getötet. Kein Satz von ihm bringt seinen immerwährenden Hang zum Dualismus so auf den Punkt wie seine Standardanalyse des jeweiligen politischen Geschehens: "Mir ham's net leicht, aber die anderen auch nicht." Passt immer, klingt jovial, ist aber in Wahrheit ein Bericht von der Front.

Manchem mag das zu martialisch klingen. Und es ist ja wahr: Das Motiv vom Stadtchef auf dem ständigen Kriegszug scheint auf Anhieb nicht zu passen zu dem Bild, das viele Münchner von ihrem OB hatten. Vom Mann der einfachen Leute, der auf der Straße Moosröschen verteilte. Dem Rathaus-Boss, der nicht vergessen hat, welche Sorgen das einsame Mütterchen plagten. Der wusste, was es heißt, nicht in der ersten Liga mitspielen zu können und vielleicht nicht einmal in der zweiten oder dritten.

Die einfachen Leute liebten Kronawitter, vielleicht mehr als jeden anderen der Oberbürgermeister. Weil er ihre Sprache sprach, ohne sich verstellen zu müssen. Weil er freundlich auf die Menschen zuging, den Kontakt suchte und dabei nicht schauspielern musste. So gesehen, war Georg Kronawitter im besten Sinn des Wortes zugänglich. Wer ihn auf der Straße traf und ihn anlächelte, zu dem ging er hin, schüttelte die Hand und sagte Grüß Gott.

Die Menschen, die er traf, hatten konkrete Sorgen, zum Beispiel mit der Höhe ihrer Mieten, denn auch in den Siebziger- und Achtzigerjahren war der Münchner Wohnungsmarkt schon aus den Fugen geraten. Kronawitter fand Sprachbilder, die das Gefühl der Menschen widerspiegelten. Und er verwendete sie ohne Unterlass. Dass sich die Münchner Mieter "ausgenommen fühlen wie die Weihnachtsgänse". Dass sie "ausgequetscht werden wie die Zitronen". Und dass das doch jeder einsehen müsse, "der in der Schule nicht öfter als dreimal durchgefallen ist".

Der Kampf gegen das große Geld

Kronawitters München war eines der Weihnachtsgänse und Zitronen. Die Rathausreporter der Zeitungen murmelten während seiner Pressekonferenzen die Begriffe Weihnachtsgänse, Zitronen, durchgefallen schon wie Souffleure vor sich hin, denn gleich würden sie fallen. So kam es: Der OB riss die Augen weit auf und tat so, als ob ihm gerade ein ganz toller Vergleich spontan einfiele.

Zu Kronawitters bildhafter Sprache passte, dass sie sich einen Gegner suchen musste, so wie ein Streichholz eine Reibfläche braucht. In seiner Welt des Kampfes für die kleinen Leute standen stets große auf der Gegenseite. Schon bevor er OB wurde, suchte er sich als Landtagsabgeordneter den Milliardär August von Finck als Gegner: "Jeden Morgen, wenn Herr von Finck wach wird, ist er um eine Million reicher. Es steht ja schon in der Bibel: Den Seinen gibt's der Herr im Schlafe."

Seinen Wahlkampf für sein Comeback im Jahr 1984 bestritt Kronawitter im wesentlichen mit dem "Baulandgeschenk". Der damals größte Unternehmer der Stadt, Josef Schörghuber, habe durch CSU-OB Kiesl Baugrund viel zu billig erhalten. Schörghuber versus Kronawitter war die größte Männerfeindschaft im München der Achtzigerjahre. Wenn jemand viel Geld auf im Entferntesten anzweifelbare Weise erworben hatte, war Kronawitter zur Stelle. Und er war nicht der, der dann einer sachlichen Untersuchung das Wort geredet hätte. Reichtum anderer war Kronawitter willkommen, weil er diskreditierbar war. Das war der Neid der ausgequetschten Zitronen auf den schönen fruchtigen Saft.

Den Kampf gegen das große Geld führte Kronawitter bis zum Schluss. Unermüdlich warb er für die Einführung der Vermögensteuer für "die Superreichen". Am meisten ärgerte ihn, dass seine Partei nicht richtig darauf ansprang. Und so rechnete er ihr noch in seinem letzten Buch - "Mein eigener Weg" von 2014 - vor, welches Wählerpotenzial sie dadurch vernachlässige. Mit einer klaren Botschaft am Ende: "Für uns gilt also, jetzt tätig zu werden."

© SZ vom 02.05.2016/vewo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite