bedeckt München 20°

Münchner Bäche:Leben und Arbeiten, wo andere ihre Freizeit verbringen

Idyllische Lage am rauschenden Wasser, das hat das Gelände zwischen Kegelhofbach und Auer Mühlbach zu bieten. Dort entstanden durch Modernisierung und Neubau Wohnungen und Büros für die GWG.

(Foto: Michael Artur König)

Wer am Wasser lebt, muss nicht nur dessen Rauschen lieben, sondern auch sommerlichen Badelärm ertragen können.

Von Thomas Jordan

"Toll. Unglaublich." Das seien so die üblichen Reaktionen, wenn Besucher zum ersten Mal die Büroräume seiner Kanzlei betreten, sagt Axel Meißner achselzuckend und mit einem etwas verlegenen Lächeln. Der 47-jährige Steuerberater selbst hat sich daran gewöhnt, dass direkt neben seinem Schreibtisch tagein tagaus die Wassermassen vorbeifließen.

Fünf große bullaugenförmige Fenster, jedes mit einem Durchmesser von etwa 1,50 Metern, geben den Blick auf den grünlich schimmernden Stadtmühlbach frei, der fünfzig Meter weiter von hier unter der Prinzregentenstraße hindurch in den Eisbach fließt. Im Innenhof des Häuserkomplexes an der Bruderstraße im Lehel kann man durch eine Glasfront die Touristen sehen, wie sie die Surfer der Eisbachwelle bestaunen.

Vom Großraumbüro der Steuerkanzlei, das im Souterrain des Innenhofs liegt, blickt man dagegen von schräg unten auf die still vorbeigleitenden Wassermassen. In der Mitte der Bürofenster, dort, wo die Bullaugen aus dem Wasser auftauchen, haben sich kleine grüne Algenbüschel angesetzt. "Schön und beruhigend" sei der Bach bei der Arbeit, sagt Meißners Angestellte Laura Kölbl. Arbeiten am Aquarium sozusagen. "Früher, im alten Büro haben wir die Straße gehört, das ist jetzt schon was anderes", fügt Axel Meißner hinzu, auch wenn er sich nicht noch einmal für die Lage unter dem Bach entscheiden würde. "Sie können die Bullaugenfenster nicht öffnen, es gibt keine frische Luft. Und es ist sofort alles voll mit Algen."

Ein Leben ohne den Bach kann sich Robert Scherübl dagegen gar nicht mehr vorstellen. "Meine Oase" nennt der Frührentner seinen Balkon in der Kegelhofsiedlung in der Münchner Au. Direkt darunter fließt der Auer Mühlbach vorbei. Er hat den kleinen, etwa zwei Quadratmeter umfassenden Balkon komplett mit einer durchsichtigen Spezialfolie aus Plastik verschalen lassen, nur ein Fenster kann man darin öffnen. "Wegen dem Mucki", sagt Scherübl.

Der rotbraune Kater schleicht um die Beine des 48-Jährigen in der kleinen 1,5-Zimmer Wohnung, "der ist sonst auf die Enten im Bach aus." Weiße Laternen hängen an der Plastikverschalung, auf dem Steinboden liegt ein lilafarbener Flokati-Teppich, darauf steht ein Zimmerspringbrunnen. "Ich hab auch noch einen Heizstrahler" sagt Scherübl, "dann hab ich einen Wintergarten."

Leben am Fluss kann ziemlich laut sein

Seit fünf Jahren wohnt der Frührentner am Auer Mühlbach und seither sind seine Asthmabeschwerden stark zurückgegangen. Für Scherübl ist klar, "dass das mit dem Wasser zusammenhängt. Ich brauche jetzt nur noch einmal pro Monat mein Asthmaspray, früher mindestens zweimal pro Woche." Das beständige Wasserrauschen, das man von seinem Balkon aus hört, stört ihn nicht, in der Wohnung hat er Lärmschutzfenster. "Aber vor mir war hier mal eine drin, die hat das nicht gepackt, die war nur zwei Monate in der Wohnung", das habe ihm sein Vermieter erzählt.

Immerhin 71 Dezibel beträgt die Lärmbelastung an der lautesten Stelle des Auer Mühlbaches sagt Ursula Basler, Projektplanerin bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GWG. Im vergangenen Jahr hat Ursula Basler als Projektverantwortliche die aufwendigen Renovierungen des Wohnkomplexes "Kegelhofmühle" direkt neben dem Wohnblock, in dem Robert Scherübl lebt, abgeschlossen. "71 Dezibel, das ist gut über dem, was man im Büro an Lärm ertragen muss. Es entspricht einer belebten Straße", sagt Basler.

Die Anwohner des Auer Mühlbachs nehmen es gelassen. Sie haben sich an das Fließgeräusch ihres Baches gewöhnt, es wirkt entspannend auf sie, auch wenn die Mücken am Wasser manchmal nerven: "Ich bin froh, dass er da ist", sagt die Bach-Anwohnerin Melanie Nöckler, "Für mich ist das wie Meeresrauschen, ich mag die Natur einfach."

Mit dem schönen Wetter kommen die Surfer

Eine ganz andere Art von Lärm trübt manchmal die Freude, am Bach zu wohnen, wie Wolfgang Neumer, der Vorsitzende des Bezirksausschusses Altstadt-Lehel zu berichten weiß. "In der Oettingenstraße wurden vor ein paar Jahren einige Häuser luxussaniert. Da wurde mit der idyllischen Lage und dem Slogan 'Wohnen in der Stadt, Leben wie auf dem Land' geworben." Mit der Ruhe sei es dann im Frühjahr vorbei gewesen, berichtet Neumer. Denn die Häuser liegen direkt am Eisbach, und mit Beginn der Badesaison kamen auch die Badegäste, und damit der Lärm. "Eine Lärmentwicklung wie im Freibad", sagt Neumer.

Hans Fahr, blaues Polohemd, Hornbrille, braungebranntes Gesicht, führt gerade seinen Hund in der Oettingenstraße Gassi. Von seiner Wohnung im vierten Stock sieht er direkt auf den Eisbach: Ja, es gebe ein paar Nachbarn, die sich über den Badelärm beschwerten, "aber mich nervt das überhaupt nicht. Und es ist ja auch nur an ein paar heißen Tagen im Jahr", sagt der 68-Jährige gut gelaunt. "Das ist der schönste Platz in München", ruft er am Schluss noch.

Das gleichmäßige, beruhigende Plätschern der Münchner Stadtbäche, ein wenig scheint es sich auch auf die Stimmung der Anwohner zu übertragen, die an ihnen leben und arbeiten.

© SZ vom 12.06.2017/vewo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite