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SZ-Serie: Alles anders:Vorratshaltung

Die Bekannte am Telefon ist legendär für patente Ratschläge: Das Auto in der Tiefgarage könne man jetzt gut zum Vorratsspeicher umwidmen. Sie selbst praktiziere das auch. Dreimal am Tag die drei Stockwerke nach unten, und schon habe man die verordnete Thrombose-Prophylaxe absolviert. Auf dem Weg zurück pflege sie zur Atemkontrolle Heinz Erhardts unverzichtbares Poem "Die Made" zu zitieren: "Hinter eines Baumes Rinde wohnt die Made mit dem Kinde. Sie ist Witwe, denn der Gatte, den sie hatte, fiel vom Blatte. Diente so auf diese Weise einer Ameise als Speise ...

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Physiotherapeuten sind für chronisch Kranke und frisch Operierte unverzichtbar. Bei der Behandlung, irgendwo im Münchner Osten, kommt man ins Gespräch über den Maskenmangel. Die Therapeutin hat einen Tipp: abends die Maske bei 60 Grad für zehn Minuten in den Backofen. So bekommt der Ofen auch was zu tun, jetzt, wo das Mehl ausgegangen ist.

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Um die anderen brav zu schützen, hat man die Maske angezogen. Rein zum Bäcker und Abstand wahren. Alle tun das. Bis auf einen älteren Herrn. Er starrt auf die Maske. Dann bricht es aus ihm heraus: "Hast Du Corona oder was?" Nein, man wolle ihn schützen, niemanden anstecken. "So ein Kas. Mi steckt koaner o!" Er rückt näher. "Bitte ein bisschen Abstand!". "Wenn Du meinst. Die Hand hätt i dir gern geben."

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Die rigorose Brot-nur-frisch-Esserin hat ihr Einkaufsverhalten umgestellt. Also nix mehr mit täglich ofenwarmen Stullen vom Bäcker. Notgedrungen greift sie zu den drei Tage alten Scheiben im Küchenschrank. Und entdeckt neue Genusswelten: Ob mit Spiegelei oder Frischkäse, Radieschen oder Schnittlauch - das alte Brot schmeckt einfach phänomenal. Künftig wird es bis zum allerletzten Krümel verzehrt.

© SZ vom 07.04.2020 / anna, czg, ole, re

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