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SZ-Serie: Alles anders:Übergaben

Die kleine Nichte, die jetzt Care-Pakete mit Keksen schickt und auf WhatsApp-Sekunden-Schnipseln Klavier-Konzerte gibt, hat eigentlich keine Langeweile. Auch wenn ihr Vater das anders sieht und droht, wenn nicht bald dieser Impfstoff erfunden wird, werde er ihn selbst zusammenbrauen. Die Nichte also hat für die Stunden und Tage vorgesorgt, in denen die Zeit sich nicht mehr von der Stelle bewegen will: In ein großes Goldfisch-Glas (ohne Goldfische) wirft sie täglich Zettel mit Ideen, was gegen die Langeweile zu tun ist.

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Schlange stehen vor dem Lieblingsbäcker. Nur jeweils ein Kunde darf durch die Schiebetür ins Reich der Süßigkeiten. Aber wie alle diszipliniert sind! Großer Abstand, man plauscht, tauscht sich aus. Erdbeerkuchen oder Schokosahne? Und strahlende Gesichter, wenn die Menschen - einer nach dem anderen - mit Kuchenpäckchen in der Hand den Bäcker verlassen.

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Mitunter steht eine Kiste mit Obst und Gemüse auf der Sitzbank im Innenhof, mit einem Zettel, doch zuzugreifen. Die nette Nachbarin ist ehrenamtlich für den Verein Foodsharing tätig. Das System hat sie beibehalten, das Szenario geändert. Neulich stellte sie eine verschlossene Tüte auf die Bank und trat zurück. Die junge Frau, die zugriff und sich bedankte, hielt ebenfalls Abstand. Eine Sitzbank als Ort der Übergabe - ökologisch, hygienisch und praktisch einwandfrei.

© SZ vom 08.04.2020 / anna, czg, ole

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