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Parallelnutzung:"Es gibt Platz für Subkulturen, wir müssen ihn bloß nutzen"

SharedSquare, Daniela Weinhold, Julian Nitsche Nastasia Broda

Die drei Wegbereiter der Plattform SharedSquare: Daniela Weinhold (l.), Julian Nitsche und Nastia Broda im Café Josefa in der Westendstraße.

(Foto: Jan A. Staiger)

Drei junge Leute wollen es Kreativen erleichtern, Läden zu öffnen. Ihr Ansatz: Die wenigen Orte, die es gibt, müssen konsequent bespielt werden - Tag und Nacht, unter der Woche und am Wochenende.

München ist cool. Sagt zumindest die New York Times. Weil München ein Boot auf einer Eisenbahnbrücke stehen hat - klar, damit können andere Städte nicht aufwarten. Aber die Journalisten haben mit ihrem Blick schon recht. München hat was, mehr als nur die MS Utting. Den Bahnwärter Thiel zum Beispiel. Das Container Collective. Oder: Bald soll eine Zwischennutzung in einem ehemaligen Gewerbehof zwischen Laim und dem Westend eröffnen.

Dennoch: Es ist ein gewisser Kulturpessimismus bei Münchens jungen Kreativen zu spüren. Weil es zwar viele temporäre Orte für spannende Kultur gibt, diese aber auch schnell wieder verschwinden - weil München nahezu jede brachliegende Fläche als Bauland benötigt. Trotzdem könnte es bald mehr Flächen für junge Kreative geben. Sagen zumindest Daniela Weinhold, 26, Nastasia Broda, 33, und Julian Nitsche, 25. Ihr Ansatz: Doppelnutzung. Die wenigen Flächen, die es gibt, müssen konsequent bespielt werden - Tag und Nacht, unter der Woche und am Wochenende.

Der Bahnwärter Thiel ist vermutlich bis 2022 auf dem Viehhof.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Julian Nitsche, groß und blond, und Daniela Weinhold, klein und dunkelhaarig, sind Designstudenten, Nastasia Broda arbeitet als Stadtplanerin. Ihr Projekt nennen sie SharedSquare. Sie treffen sich an diesem Tag im Import/Export. Weinhold lümmelt lässig auf einem Sofa, Nitsche beendet an einem Tisch noch schnell eine Designarbeit am Computer, Broda holt sich an der Theke ein Stück Käsekuchen. Die Atmosphäre ist locker. Und während sie erzählen, wird schnell klar: Das Projekt ist eine Herzensangelegenheit. "Es gibt immer weniger Ressourcen und die, die wir haben, lasten wir nicht voll aus. Stattdessen bauen wir höher, weiter, besser", sagt Broda.

Die Idee von SharedSquare ist simpel und besticht in einer Stadt wie München dennoch mit einer gewissen Genialität: Das, was vorhanden ist, optimal ausnutzen, Stichwort Parallelnutzungen. "Wir bieten eine Online-Plattform, bei der Gastronomen mit bestehender Infrastruktur ihre Flächen außerhalb der Öffnungszeiten anbieten können", erklärt Nitsche. Sei es die Fläche, die Einrichtung oder die Lieferwege des Ladens. "Das Café könnte dann abends beispielsweise zur Bar werden oder das Bettenhaus zum Yogastudio. Es gibt nahezu unendliche Kombinationsmöglichkeiten", sagt er. "Wir geben Laden- und Restaurantbesitzern die Möglichkeit, ihre Flächen zu vermieten, zu Zeiten, in denen diese eigentlich geschlossen hätten", erklärt Weinhold. Also abends, morgens oder während Urlaubszeiten.

Ein Freitagabend im Westend: Eine Straße wirkt wie ausgestorben, bis auf zwei Restaurants sind alle Läden geschlossen. Es stellt sich die Frage: Warum stehen die Ladenflächen nach Kassenschluss leer? Und das, obwohl es in München doch eine Not an freien Flächen gibt. Obwohl viele junge Kreative ihre Ideen nicht umsetzen können, weil sie keinen bezahlbaren Platz finden. Wieso also werden die freistehenden Flächen nicht genutzt? Genau diese Frage hat sich Weinhold im Frühjahr 2018 gestellt, als sie für ihr erstes Frühstück-Café Bananaleaf einen passenden Raum suchte. Da sie das Konzept nicht dauerhaft betreiben wollte, war klar, dass sie zunächst nur einen Pop-up-Laden aufmachen wollte.

Aber die Nutzungsflächen, die angeboten wurden, waren ihr zu steril. "Die passende Infrastruktur fehlte, und ich wollte für ein Zwischennutzungsprojekt keine Unsummen an Geld ausgeben. Dann ist mir die Idee gekommen: Warum übernehme ich nicht einfach vormittags eine Bar, die sonst erst abends aufmacht?" So landete sie mit ihrem Vorschlag beim Besitzer des Nudo in der Amalienstraße: Drei Monate lang gab es vormittags ihre bunten Bowls und abends sein Slow Food mit Pasta. Die Idee für SharedSquare war geboren. Seit Winter gibt es nun für drei Monate das Pop-up-Restaurant Knolle und Kohl im Westend, das sie nur am Wochenende öffnen - sie bieten ihr Essen im Café Josefa an, das im Winter nur unter der Woche geöffnet hat.

Aber ist diese Idee eine Lösung für München? "Die Stadt kann jeden brauchen, der sich für Raum für Kreative einsetzt", sagt Jürgen Enninger, Leiter im Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München. Immer wieder melden sich beim Kompetenzteam Menschen, die auf der Suche nach Räumen für eine kreative Nutzung sind. Immer wieder kann Enninger aber auch Immobilien für eine Zwischennutzung anbieten. Ganz aktuell: Das ehemalige Gesundheitshaus an der Dachauer Straße kann fünf Jahre lang bespielt werden, die Bewerbungsphase läuft. Enninger weiß: Metropolen verändern sich fortlaufend, aber damit erfindet sich jede Großstadt auch immer neu. Deshalb geht es darum, Nischen zu finden und zu gestalten. "Das ist das Beeindruckende an kreativer Arbeit", sagt er.

Auch das Container-Collective am Ostbahnhof bleibt nur vorübergehend.

(Foto: Robert Haas)

"Ich will Probleme kreativ lösen und etwas machen, das wirklich einen Impact hat, etwas, das mich bewegt", sagt auch Nitsche. Der Designer besuchte Weinholds Café einmal, dann zweimal, dann kam er immer öfter und blieb schlussendlich. "Die Stimmung war super, das Essen war einfach nur lecker und dann fragte mich Daniela, ob ich nicht beim Design und beim Konzept mitmachen will", erzählt Nitsche. Broda hatte zu dem Zeitpunkt angefangen, bei Weinhold auszuhelfen. "Ich bin aus Berlin gekommen und hatte das Gefühl, ich will jetzt selbst etwas machen. Etwas, das mein Ding ist", sagt Broda. "Und dann hat mir Daniela von ihrer Idee erzählt und ich war sofort dabei. Auch Parallelnutzungen kannte ich so noch nicht."

Den Leerstand von Gewerbeflächen, der vor allem vormittags, abends und sonntags existiert, wollen Weinhold, Broda und Nitsche mit ihrer Idee auf ein Minimum reduzieren. Ganze Viertel wollen sie damit wieder beleben. "Grundsätzlich wollen wir buntere Konzepte für München. Die Menschen sind in unserer Vorstellung wieder auf den Straßen und erkunden ihr Viertel", sagt Weinhold - immerhin gibt es ja laufend neue Entdeckungen zu machen. "Die Miete für eine Fläche wird dann unter den Nutzern aufgeteilt. So können Menschen sich ausprobieren. Die Hemmschwelle, um etwas alleine zu machen, ist mit den Risiken meist zu groß", erklärt sie. Die Hürden sollen mit SharedSquare genommen werden. Vor allem bei der Umsetzung von neuen Ideen. "Es gibt Platz für Subkulturen, wir müssen ihn bloß nutzen."

Cooles und Individuelles hat in München immer ein Ablaufdatum, aber werden die bestehenden Räume besser genutzt, kann es dennoch ein größeres Angebot geben. Natürlich: Wenn Bars wie das 404 oder das Awi verschwinden, hinterlässt das eine Lücke. Aber vielleicht macht gleich ums Eck was Neues auf.

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