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Veranstalter:Subkultur darf nicht im Münchner Luxus untergehen

Tuncay Acar möchte langsam mehr Stabilität und Sicherheit in sein Leben bringen. Seine aktuelle Zwischennutzung, das Café 404 page not found, läuft immerhin ein Jahr lang.

(Foto: Stephan Rumpf)

Davor warnt Tuncay Acar. Der 50-Jährige ist Veranstalter, hat das Import Export und das Strom mit aufgebaut - und gerade wieder ein neues Projekt angefangen.

Tuncay Acar hat seinen Laptop vor sich. Vielleicht ist das sein wichtigstes Arbeitsgerät. Vielleicht ist es aber auch das Smartphone, mit dem er in Verbindung bleibt, auf dem ihn alle möglichen Leute anrufen; vielleicht ist es seine Stimme, mit der er nicht nur spricht, sondern auch singt. Nicht nur auf Deutsch, auch auf Türkisch.

Acar ist das, was die Menschen gemeinhin einen Lebenskünstler nennen. Den Begriff, der immer dann aus der Schublade kommt, wenn nichts so genau zu passen scheint, und wenn die Leute sich fragen, wie der Typ denn überhaupt genug Geld zum Leben zusammenträgt mit dem, was er so tagein, tagaus tut.

Der 49-Jährige muss etwas ausholen, wobei er das blonde Ziegenbärtchen zwirbelt. Er teilt auf in verschiedene Baustellen, wie er sie nennt. In die Musik, also seine Arbeit als Sänger und Perkussionist in Bands auf der einen Seite und auf der anderen Seite die Arbeit als DJ: im Corleone, in der Favorit Bar und natürlich im Import Export zum Beispiel. In Veranstaltungen, worunter sehr, sehr vieles fällt. Der Verein Real München, den er gegründet und mit dem er zum Beispiel das Straßenfest "Ois Giasing!" vergangenen Herbst organisiert hat. Mit dem er Musiker aus aller Welt für Auftritte nach München holt. Die Konzerte, die er jetzt für das 404 page not found organisiert.

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Subkultur hat es in München oft schwer. Künstler und Veranstalter mieten sich deshalb gern in Zwischennutzungen ein. Ein Überblick über besondere Orte in der Stadt.

Den Club Strom hat er mit aufgebaut. Und das Import Export hatte er mit auf die Beine gestellt, aber das hat Tuncay Acar jetzt hinter sich gelassen. Nach drei Jahren. "Auf der einen Seite war es schön, auf der anderen aber auch wahnsinnig anstrengend", sagt er. Eine Zwischennutzung für die Subkultur, die sich zwar schnell ihr Publikum erarbeitet hat, aber immer wieder vor dem drohenden Aus stand. Dann: kurzfristige Verlängerung. Und noch eine. Und noch eine. "So schön das auch war, in der Form möchte ich das nicht noch einmal machen. Wenn die Leute schon abgespeichert hatten, dass es das nicht mehr gibt, kurzfristig das neue Programm zu stemmen." Planungssicherheit gibt es so keine, nicht für die Künstler, nicht für die Veranstalter; und die Leute so: Ach, das Import Export gibt es noch?

Und doch sitzt Tuncay Acar gerade wieder in einer Zwischennutzung, die Tasse Espresso leer getrunken. Seine Wollmütze passt zum roten Strickpulli, es ist einer der kälteren Wintertage. Er wirkt nicht wie einer, der dieses Jahr seinen 50. Geburtstag feiert. Auch wenn es sein Vorsatz ist, langsam mehr Stabilität und Sicherheit in sein Leben zu bringen. Das 404 ist zwar auch eine Zwischennutzung, auf ein Jahr beschränkt, aber immerhin ein ganzes Jahr. Man muss es ja nicht gleich übertreiben.

"Früher war ich sehr wagemutig, habe mir aus Sicherheit und materiellen Dingen keine Gedanken gemacht", sagt er. "Jetzt ist Zeit für Inhalte, dafür braucht man eine gewisse Ruhe. Aber ich habe genug Vertrauen in meine Laufbahn, dass sich Dinge ergeben werden." Die ganz wilden Ritte, solche eben mit dauernden kurzfristigen Verlängerungen, die sollen jetzt andere übernehmen.

"Wenn man jung und energiegeladen ist, dann ist es schön, sich in so ein Projekt reinzustürzen." Und es müsse gemacht werden. Damit der Stadt bewusst wird, dass Raum für Subkultur gesucht, gebraucht, genutzt wird. "München ist sehr gut ausgestattet mit Förderprogrammen und Budgets, aber davon gelangt zu wenig an die Subkultur. Freie Initiativen, freie Theater. Da kann man schon ein bisschen mehr wagen", sagt Tuncay Acar. Er würde zum Beispiel von Bekannten am Theater hören, was da für Gelder fließen, und da sehe er, wie er es ausdrückt, "Regulierungsbedarf".

Überzeugungsarbeit leisten, das ist seine Rolle in diesem Spiel. Die Stadt davon überzeugen, für Projekte bitte etwas locker zu machen. "München muss sich wirklich Gedanken machen, dass die Subkultur in diesem ganzen Luxus nicht untergeht." Ihre Nische findet die Subkultur vor allem in Zwischennutzungen, aber das sollte nicht alles sein. Die Glockenbachwerkstatt etwa, bei der Acar im Vorstand ist: Sie wurde 1978 gegründet, nachdem das Haus der Stadt vererbt worden war, mit der Verfügung, das Objekt möge gemeinnützig genutzt werden. Neben Werkstätten gibt es dort einen Kindergarten, eine Schreinerei, Selbsthilfegruppen und Workshops, Konzerte, Ausstellungen, Poetry Slams. "Es ist ein wertvolles Kleinod mitten in der Altstadt, das ist Gold wert", sagt Acar. "Da sieht man, was man erreichen kann mit der Aufrechterhaltung eines solchen Standorts. Solche Orte lohnen sich."

Zur Glockenbachwerkstatt kam er Anfang der Neunzigerjahre, seine Band probte dort im Keller. Damals noch Funk mit der Band Homosupersapiens, heute singt er türkische Volkslieder im psychedelischem Gewand und spielt Percussion bei Lucile + the Rakibuam. Die Musik ist sein Job, einerseits. So wie Netzwerke knüpfen, Verbindungen herstellen und daraus etwas auf die Beine stellen. Verbindungen zwischen Menschen, zwischen Kulturen, zwischen den beiden Kulturen in sich selbst.

Geboren ist Tuncay Acar in München, seine Eltern arbeiteten beide Vollzeit. Also gaben sie ihn zur Großmutter, die am Schwarzen Meer lebte. Fischen, mit den Haustieren toben, Trinkwasser aus dem Brunnen holen. Ein einfaches Leben an der Küste. Der salzige Geruch des Wassers. Bis seine Eltern ihn zurück nach Milbertshofen holten. "Ich hatte sehr große Schwierigkeiten, mich wieder einzufügen, hier wohlzufühlen. Und diese Unsicherheit hat lange angehalten." Ein verträumtes Kind war Tuncay Acar, immer mit den Gedanken woanders. Bis er als Teenager den Hip-Hop für sich entdeckte und in die gerade entstehende Graffitiszene rutschte. "Da konnte ich meine Kreativität ausleben." Das Gefühl, etwas zu können, ein Ventil zu haben für seine Energie, gab ihm Halt, auch wenn es in der Schule nicht immer rund lief. Es kompensierte die Anstrengungen dort. Zusammen mit Größen der Szene wie Don Karl und Loomit zog er um die Häuser. "Wir haben hier nach dem bösen Ghetto gesucht, was es natürlich nicht gab, aber es war immer lustig und wir haben viele Abenteuer erlebt."

Was ihm vom Graffitisprayen und diesen ersten Erfahrungen im urbanen Stadtraum geblieben ist, ist das Gefühl, jede freie Fläche, jedem freien Raum einen neuen Sinn zu geben, so wie Farbe es mit einer nackten Betonmauer tut.

Familie Acar, mittlerweile war Tuncay volljährig und um einen Bruder und eine Schwester reicher, ging zurück in die Türkei, und der Älteste studierte Archäologie in Istanbul. "Eine richtige Weltstadt. Diese Luft atmen, das war toll. Istanbul hat eine tiefe Seele. Ich kann nicht absehen, wohin das führt gerade in der Türkei, aber Istanbul wird nie klein zu kriegen sein."

Auch wenn er das Archäologiestudium mochte, war ihm schnell klar, dass aus ihm kein Archäologe werden würde. "Dafür muss man sich voll auf ein bestimmtes Thema fokussieren. Aber ich bin sehr leicht ablenkbar, ich brauche verschiedene Standbeine, Heimaten, Steckenpferde. Das ist Nahrung für meine Seele." Er schloss das Studium trotzdem ab, in München, wohin er zurückgekommen war.

Die Preise waren noch andere, eine Wohnung im Glockenbachviertel auch als Subkulturwandelnder Musiker erschwinglich. Dort lebt er auch heute noch, seine Wohnung ist eine "kreative Lagerstätte", wie er sagt, zu rastlos, um auszumisten. Fernsehen oder Netflix interessiert Tuncay Acar nicht, wenn, verliert er sich in den Weiten des Internets. "Wir sind eigentlich jetzt schon halbdigitale Humanoide - und das muss man sich eingestehen, um effektiv damit umzugehen, lernen, wie man sich schützt", sagt er. Genau das ist das Thema des Lokals 404 page not found, in dem es neben Konzerten Veranstaltungen zu Chancen, Risiken und Nebenwirkungen der Digitalisierung gibt.

"Wann machst du eigentlich wieder einen Laden?", fragten die Leute, als Acar beim Import Export ausstieg, nun sitzt er wieder in einem. Die Leute kommen vorbei. Oder sie rufen an. Und es entstehen neue Verbindungen, neue Brücken.

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