Studentenproteste Von der Besetzung zur Bewegung

In ganz Europa okkupieren protestierende Studenten Hörsäle. Im Audimax der LMU treffen sie sich, um den Kampf für bessere Bildung international zu vernetzen.

Von Wolfgang Görl

An den Säulen im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität kleben Dutzende Din-A4-Blätter, beschriftet mit Städtenamen: Gießen steht da beispielsweise, Halle/Saale, Hamburg, Graz oder Paris. Einige Blätter sind noch leer, auf anderen haben Studierende, die aus den aufgelisteten Städten nach München angereist sind, ihren Namen und ihre E-Mail-Adresse hinterlassen. Oder auch eine aufmunternde Botschaft: "Je suis avec vous" hat eine Claire auf das Blatt geschrieben, auf dem sich die Studenten aus Paris eintragen sollen.

300 Luftballons ließen die Teilnehmer am "International Plenum for Better Education" steigen, um auf ihren Kampf für bessere Bildung aufmerksam zu machen.

(Foto: Foto: Robert Haas)

Ein ständiges Kommen und Gehen herrscht am Wochenende in dem mit Transparenten, Wandzeitungen und Protestplakaten gefüllten Lichthof. In den benachbarten Hörsälen tagen Arbeitskreise, Studentinnen und Studenten aus Österreich, Kroatien, Spanien, Frankreich und zahllosen deutschen Universitätsstädten reden sich die Köpfe heiß, während im besetzten Audimax die Schlafsäcke für die Nacht ausgebreitet werden. Rund 300 Studenten sind nach Angaben der Veranstalter am Wochenende zum "International Plenum for Better Education" nach München gekommen, um den Kampf für bessere Bildung international zu vernetzen.

Zu denjenigen, die den weitesten Anreiseweg hatten, gehört Debora de Pina aus Barcelona. Wie ihre deutschen und österreichischen Kommilitonen lobt sie auf der abschließenden Pressekonferenz am Sonntag den guten Geist des Treffens. "Wir haben gesehen, dass wir denselben Problemen gegenüberstehen und denselben Kampf kämpfen", sagt sie. Und es sei wichtig, ein Netzwerk der europäischen Studentenschaft zu knüpfen, um Erfahrungen zu sammeln und auszutauschen. Dazu haben die Studierenden mehrere Arbeitskreise gebildet, die zu Themen wie Demokratisierung der Bildung oder Ökonomisierung der Universitäten Positionen erarbeiten.

Sie fordern unter anderem, für alle Entscheidungsgremien der Hochschulen die gleichberechtigte Mitbestimmung von Lehrenden, Lernenden und Verwaltung einzuführen. Auch für eine selbstbestimmte Lehre, etwa freie Wahl der Fächerkombination, sowie die europa- und weltweite Anerkennung von Studienabschlüssen sprechen sich die Teilnehmer aus. Die Veranstalter hoffen, dass sich ihre Kommilitonen nun europaweit mit diesen und anderen Forderungen auseinandersetzen.

David Berger und Dorothea Hutterer sehen am Sonntagnachmittag schon ein wenig abgekämpft aus. Seit einer Woche haben sie kaum geschlafen, im Büro der Studentenvertretung oder im Audimax haben sie die Nacht zum Tage gemacht. Die beiden sind Mitorganisatoren des Treffens, dessen Untertitel"Students unite in Munich" lautet.

"Jetzt ist es an der Zeit, den Protest mit gemeinsamen Forderungen endgültig auf die europäische Ebene zu bringen", schreiben die Organisatoren im Vorwort der Tagungsmappe. Und der Münchner Philosophiestudent David Berger ergänzt: "Jetzt sind wir am kritischen Punkt. Wir müssen zu einer europäischen Vernetzung kommen, sonst verebbt die Protestbewegung."

Bemerkenswert ist, wie rasch die Münchner Tagung zustande kam. Nicht mal eine Woche hat es gedauert, bis die Idee, die von den streikenden Wiener Studenten kam, in die Tat umgesetzt wurde. Weil München zentral liegt und über eine starke Protestszene verfügt, hat man die bayerische Landeshauptstadt als Veranstaltungsort auserkoren.

Nachdem das Plenum im besetzten Audimax den Vorschlag der Wiener gutgeheißen hat, machte sich ein Kern von etwa zwölf Studenten daran, die Versammlung zu organisieren. E-Mails an alle verfügbaren Adressen europäischer Universitäten und Gesinnungsgenossen wurden verschickt, Schlafplätze und Duschen ausfindig gemacht sowie ein Tagungsprogramm erstellt. Am Ende kamen Studenten von insgesamt 81 Universitäten, wobei die deutschen und österreichischen Hochschulen deutlich am besten vertreten waren.

Klar ersichtlich ist für die Münchner Studenten, dass ihre Kommilitonen im In- und Ausland vorwiegend mit denselben Problemen zu kämpfen haben. "Die Forderungen, die aus den anderen Ländern kommen, sind ähnlich", sagt die Sprachwissenschaftlerin Dorothea Hutterer. Meist geht es um mangelndes Mitspracherecht bei er Umsetzung des Bologna-Prozesses, um die Abschaffung von Studiengebühren, bessere finanzielle Ausstattung der Universitäten und deren inhaltliche und ökonomische Unabhängigkeit gegenüber der Privatwirtschaft.

Die bisherigen Erfahrungen, sagt David Berger, hätten gezeigt, dass sich die Politiker gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben. Für die Studierenden stelle sich wiederum die Frage, wie es nach den Besetzungen weitergehen soll. Entsprechend versteht sich die Münchner Tagung "als Startschuss für eine transnationale Bewegung".

Quirin Weinzierl, einer der Sprecher des Organisationsteams, ist am Ende zufrieden. "Wir haben riesige Erfahrungen gesammelt, wie es funktioniert, die Bewegung auf eine neue Ebene zu heben."

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