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SZ-Serie: Bühne? Frei!:Es fehlt der Körper

Stephan Herwig

Seit 2006 hat der Münchner Tänzer und Choreograf Stephan Herwig 15 Stücke geschaffen. 2018 wurde er mit dem Förderpreis Tanz der Stadt München ausgezeichnet.

(Foto: Armin Smailovic)

Kultur-Lockdown, Tag 107: Der Choreograf verspricht ein Wiedersehen

Gastbeitrag von Stephan Herwig

"Throwing myself in front of you" ist der Titel einer meiner Choreografien. Ein sehr emotionales, physisches Stück, in dem die Tänzerinnen und Tänzer so vibrieren vor Energie, dass sie sich buchstäblich vors Publikum werfen, damit sich das, was sie innerlich spüren, körperlich entladen kann.

Dieses Unmittelbare, das Direkte, empfinde ich als wesentlichen Bestandteil der Kunstform Tanz. Ich liebe es, das Publikum nahe an den Tanz zu bringen, ihm nicht nur ein bloßes "Betrachten von", sondern ein "Teilhaben" zu ermöglichen. Ein Teilen von Raum und Zeit. Den Schweiß der Tänzerinnen und Tänzer sehen, ihren Atem hören, kleinste Bewegungsdetails erkennen und eventuell sogar einen, durch ihre Bewegungen entstehenden Windhauch erhaschen. Durch das bewusste Wahrnehmen anderer Körper den eigenen Körper zu erspüren, sich seiner bewusst zu sein oder wieder zu werden.

Das alles macht für mich den besonderen Reiz von Tanz aus, lässt mich ganz eintauchen in eine konkrete, sensorisch erlebbare Situation.

2020 hatte ich das große Glück, alle meine Produktionen vor, zwischen oder nach einem Lockdown erarbeiten und zeigen zu können. Sicherlich unter Einschränkungen und der neuen Herausforderung, Körper in Szene zu setzen, die sich nicht mehr nahekommen dürfen, denn Körperkontakt ist vorerst Tabu. Erst einmal nahm ich es, wie auch die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen sportlich, mit dem Wissen, dass Einschränkungen kreatives Potenzial freisetzen können. Künstlerinnen und Künstler waren schon immer hervorragend darin, sich mit widrigen Umständen auseinanderzusetzen, also tun wir es auch heute. Folglich verlagert sich die Kunst vorwiegend ins Virtuelle. Seit nunmehr drei Monaten sind alle Theater und Bühnen des Landes wieder geschlossen. Es wird gestreamt, was das Netz zulässt. Es sind neue, interessante Formate entstanden, bequem von zu Hause aus zu betrachten. Und dennoch bleibt eine komische Leere zurück. Da fehlt einfach was, um nicht zu sagen: so einiges! Es fehlt der Ort natürlich, das Theater oder das Museum, in dem sich Menschen treffen, um andere Sichtweisen und Ideen auf sich wirken zu lassen und sich über das Erlebte auszutauschen. Aber vor allem fehlt der Körper in seinen drei Dimensionen. Es ist alles so wahnsinnig flach auf den Flachbildmonitoren.

Ein wiederkehrender Tagtraum: Ich verliere mich in einer Menge schwitzender, gut und schlecht riechender Körper. Kantige, opulente, raue und zarte, weiche und feste, knochige und fleischige. Mein Körper will wieder spüren, mit allen Sinnen; nicht nur Bild, virtueller Platzhalter, oder gar Avatar sein.

Im Gästebuch, das wir zu den Vorstellungen meiner letzten Produktion "In Feldern" ausgelegt hatten, lese ich den Eintrag: "Vielen Dank, dass ihr durchhaltet und solch tolle Sachen auf die Beine bringt. Wir brauchen Euch!"

Das Wissen darum, dass anderen Menschen meine Arbeit etwas bedeutet, gibt mir Mut weiterzumachen. Derzeit plane ich meine Vorhaben für das kommende Jahr. Zumindest versuche ich es. 2021 ist ein Jubiläumsjahr für mich. Vor 15 Jahren brachte ich meine erste eigene Produktion "the sanctuary project" heraus. Und so habe ich dieses Jahr einiges vor - von einer Wiederaufnahme, der Neubearbeitung eines Trios bis zu einer Uraufführung mit dem Titel "The Lovers" (wenn alles gut geht, im September auf der Bühne des neuen Schwere Reiter). Was ich, wie und wann davon umsetzen kann, ist im Moment noch schwer einzuschätzen. Aber wir werden uns wiedersehen. In einem realen Raum mit realen Körpern. Versprochen!

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© SZ vom 16.02.2021
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