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Zu wenig Personal:Lehrer fühlen sich mit Inklusion überfordert

Starnberg: Inklusion an Schulen

Die BLLV-Vertreter Nicole Bannert und Hans-Peter Etter fordern eine bessere Ausstattung der Schulen.

(Foto: Nila Thiel)

Berufsverband beklagt, dass Schulen schlecht ausgestattet sind und immer noch Personal fehlt

"Die Inklusion, die 2011 in Bayern per Gesetz eingeführt wurde, funktioniert in der Realität bis heute nicht richtig", sagt Hans-Peter Etter, Leiter der Rechtsabteilung des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (BLLV) und Ehrenvorsitzender des Kreisverbandes Starnberg am Freitag bei einem Pressegespräch. Beispielsweise sei versäumt worden, Geld zu investieren, um Schulen entsprechend auszustatten und mehr Personal einzustellen. So sei weder die Barrierefreiheit verbessert worden noch gebe es zusätzliche Pädagogen oder multiprofessionelle Teams.

"Es gibt erheblichen Handlungsbedarf. Es geht nicht an, dass die ganze Last der Inklusion auf die Lehrkräfte abgewälzt wird und diese bei Problemen allein gelassen werden", betont Etter. Inklusion scheitere an der Realität, finden er und Nicole Bannert, die stellvertretende BLLV-Kreisvorsitzende und Konrektorin der Oskar-Maria-Graf-Grundschule in Aufkirchen.

Aktueller Anlass für ihre Kritik ist für die BLLV-Vertreter ein Vorfall in der Grundschule Starnberg. Dort sei einem Schüler mit Körperbehinderung der Zutritt verweigert worden. Da seine Schulbegleiterin erkrankt gewesen sei, habe sich seine Mutter um eine Ersatzbegleiterin gekümmert, die aber kein erweitertes Führungszeugnis besessen habe, das als amtliche Berechtigung notwendig gewesen wäre. Die Situation sei eskaliert, die Polizei sei alarmiert worden, schließlich habe die Mutter ihren Sohn mit nach Hause nehmen müssen. Die Mutter, die sich als "Botschafterin für hochwertige inklusive Bildung" sieht, wandte sich an die Regierung von Oberbayern und schaltete eine Anwältin ein. In sozialen Medien hagelte es Angriffe auf die Schulleitung, das Schulamt und die Lehrerin. "Bei der Forderung nach Inklusion stehen wir voll hinter dieser Mutter. Aber nicht, was ihre Schelte auf die Schule angeht", sagt Etter und spart nicht mit Kritik am Ministerium. Lehrer dürften keine Stellung beziehen und sich nicht öffentlich gegen Vorwürfe wehren, auch die Schulleitung dürfe sich nicht äußern.

Selbst das Schulamt verweist auf den Datenschutz und kann keine Zahlen über die Inklusionsschüler nennen. Es gebe viele verschiedene Förderbedarfe; ein Schüler mit Glasknochenkrankheit brauche zum Beispiel eine andere Unterstützung als ein Kind mit Down-Syndrom oder Autismus. Außerdem seien unterschiedliche Behörden zuständig, mal der Bezirk, mal die Jugendhilfe. "Wir fordern schon seit langem mehr Personal, multiprofessionelle Teams und Schulassistenten für die Regelklassen, in denen Schüler mit einer Einschränkung unterrichtet werden", sagt Etter. Auch wenn die Lehrer willens seien, alle Kinder adäquat zu unterrichten, seien viele überfordert, zumal die Klassenstärken nicht reduziert werden. Öfters säßen mehr als ein Förderkind mit eigenem Schulbegleiter im Klassenzimmer. Nicht selten werde von der Lehrerin medizinische Hilfe verlangt, sagt Bannert. "Windeln wechseln, Zäpfchen einführen oder Spritzen geben, das ist nicht Aufgabe einer Lehrkraft. Dafür ist sie nicht ausgebildet." Die Verantwortung sei zu groß, zudem müsse sie ja auch die anderen Schüler unterrichten.

© SZ vom 21.12.2019
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