Weßling Weßlings "Judenorgel"

Kein Ruhmesblatt: Willibald Karl, Historiker und ehemaliger Kirchenpfleger, sieht den Kauf der Augsburger Orgel kritisch. Die jüdische Kultusgemeinde war in der Nazizeit in einer Notlage.

(Foto: Nila Thiel)

In der Nazizeit erwarb der damalige Weßlinger Pfarrer für seine Christkönigkirche die Orgel der Synagoge in Augsburg - Historiker Willibald Karl spricht heute von einem Notverkauf

Von Katja Sebald, Weßling

Die eigenwillig geformte Turmhaube der Christkönigkirche ist das Wahrzeichen von Weßling, sie steht aber auch für die düstere Geschichte des 20. Jahrhunderts: Gegen alle Widrigkeiten der Zeit stemmten die Weßlinger in den Jahren 1938 und 1939 einen Kirchenneubau, den sie noch zwei Monate nach Beginn des Zweiten Weltkriegs einweihen konnten. Dass sie mitten im Krieg auch eine Orgel für ihr neues Gotteshaus anschaffen konnten, verdankten sie dem Unglück der jüdischen Kultusgemeinde in Augsburg. Die Weßlinger "Judenorgel" ist ein dunkler Fleck in der Geschichte des kleinen Dorfs, den man gerne ausradieren wollte. Im Vorfeld zur Feier des hundertjährigen Bestehens der Augsburger Synagoge wurden jetzt aber noch einmal Stimmen laut, die eine Rückgabe der Orgel forderten.

Die Orgel in der Weßlinger Christkönigkirche stammt aus der Synagoge an der Halderstraße in Augsburg, die als einzige in ganz Bayern die NS-Zeit überstanden hat. In den Jahren 1913 bis 1917 nach Plänen von Fritz Landauer und Heinrich Lömpel enstanden, ist der Synagogenbau mit seiner zentralen Lage in unmittelbarer Nähe zum Königsplatz und seiner ebenso modernen wie repräsentativen Architektur, die noch weitgehend im Original erhalten ist, ein eindrückliches Zeugnis für eine selbstbewusste jüdische Gemeinde, die sich mit ihren 1200 Mitgliedern als Teil der Augsburger Stadtgesellschaft verstand. Der feierlich dunkle Raum in Form eines byzantinischen Kreuzes wird von einer fast dreißig Meter hohen Kuppel überspannt. Die Orgel auf der Ostempore über dem Tora-Schrein war Ausdruck der liberalen Gesinnung der damaligen Kultusgemeinde. Die Einführung des christlichen Instruments in den jüdischen Ritus war zwar anfänglich heftig umstritten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts aber galt die Synagogenorgel in Deutschland längst als Selbstverständlichkeit.

14 600 Goldmark stellte der renommierte Augsburger Orgelbauer Koulen & Sohn 1917 für die Orgel in Rechnung. Sie hatte 32 Register, zwei Manuale und ein elektrisches Gebläse. Die Architekten hatten das moderne Gehäuse mit den 70 gestaffelt angeordneten Pfeifen entworfen, die passend zur Architektur der Synagoge "im maurischen Stil" gemustert waren. Zur Eröffnung der Synagoge lobte die Presse, der Ton des Instruments sei "ungemein herzlich" und "bei vollem Werk von erschütternder Gewalt".

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 drangen NS-Schergen auch in die Augsburger Synagoge ein. Das Feuer, das sie gelegt hatten, wurde jedoch von der Feuerwehr schnell wieder gelöscht, weil sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein großes Tanklager befand. Die Kultusgemeinde, die bei Kriegsbeginn auf 400 Mitglieder geschrumpft war, hatte unter den Repressalien der Nationalsozialisten zu leiden und versuchte verzweifelt, die entweihte Synagoge zu verkaufen, weil man die hohe Grundsteuer nicht mehr aufbringen konnte. Als das nicht gelang, bot man zumindest die Orgel zum Verkauf an. Für 3500 Reichsmark erwarb der Weßlinger Pfarrer Lorenz Bröll das Instrument schließlich für seine Kirche - und dort steht sie noch heute. Ob der niedrige Kaufpreis, der einem Zehntel des ursprünglichen Anschaffungspreises entspricht, der Not der Augsburger Juden geschuldet war, oder ob die Orgel zum Zeitpunkt des Verkaufs tatsächlich stark beschädigt war, lässt sich freilich nach all den Jahren kaum mehr beweisen.

Pfarrer Bröll jedenfalls gab 1946 eine Überarbeitung der Orgel in Auftrag und versicherte dabei: "Die Gefahr, dass die Orgel nach Augsburg zurückkommt, besteht nicht, ich habe mich darüber erkundigt." Benigna Schönhagen, die das jüdische Kulturmuseum in Augsburg leitet und sich eingehend mit der Geschichte der Orgel beschäftigt hat, fand die entsprechenden Unterlagen im Archiv des Bistums Augsburg. 1947 forderte Philipp Auerbach als Staatskommissar für Wiedergutmachung dennoch die Rückgabe der "arisierten" Orgel. Der Weßlinger Pfarrgemeinderat wies das Ansinnen mit der Begründung zurück, dass der Kaufpreis für das zu diesem Zeitpunkt "unspielbare" Instrument durchaus angemessen gewesen sei. 1941 war im Angebot der Firma Schlicker für den Einbau der Orgel in Weßling von einer Beschädigung des Instruments allerdings keine Rede gewesen.

Die Geschichte vom "Weßlinger Orgelraub" kochte im Lauf der Jahrzehnte immer wieder hoch. Als Mitte der Achtziger Jahre die Augsburger Synagoge renoviert wurde und man in diesem Zusammenhang wieder über eine Rückgabe sprach, versprach der damalige Augsburger Bischof Josef Stimpfle die Auszahlung einer bereits 1963 zugesagten Spende als Entschädigung. Von diesem Geld ließ die Kultusgemeinde 1989 eine große Messingmenora anfertigen, die seither auf der Orgelempore steht.

Im Mitteilungsblatt des Weßlinger Vereins "Unser Dorf" wurde noch 1999 ein Artikel veröffentlicht, der von "Gerüchten" über einen unrechtmäßigen Kauf sprach: "Es konnte jedoch nachgewiesen werden, daß das Instrument korrekt erworben worden war", heißt es abschließend. Nach Einschätzung des Historikers und ehemaligen Weßlinger Kirchenpflegers Willibald Karl handelte es sich jedoch eindeutig um einen Notverkauf. Tatsächlich kam den Weßlingern im Nachhinein wohl die Tatsache zustatten, dass die Mitglieder der in Augsburg neu entstandenen Kultusgemeinde hauptsächlich aus Polen stammten, wo die jüdischen Gemeinden bis zu ihrer Vernichtung die orthodoxe Observanz bewahrt hatten. Für eine Synagogenorgel hätte man deshalb keine Verwendung mehr gehabt.

Nun sieht es ganz so aus, als dürfte die hundert Jahre alte Orgel, einst ein stolzes Symbol für das liberale und assimilierte Judentum in Deutschland, für immer in Weßling bleiben. "Für die Israelitische Kultusgemeinde ist der Vorgang abgeschlossen", sagt Benigna Schönhagen, aufgrund der vorherrschenden traditionellen religiösen Haltung bestehe auch heute kein Interesse an einer Orgel.