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Weßling:Möglichst wenig und möglichst viel

Ein Provisorium: Mobilfunkantenne an der Hauptstraße in Weßling beim ehemaligen Hotel Post.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Gemeinde will mit nur drei neuen Standorten für Mobilfunkmasten hohe Netzabdeckung erreichen

Von Patrizia Steipe, Weßling

Auf der "To-do"-Liste von Bürgermeister Michael Sturm stand die Bürgerinformation zum Thema "Mobilfunk" ganz oben. Drei Stunden lang schalteten sich bis zu 70 Bürger bei der Online-Debatte zu. Experten erläuterten den Sachstand. Vertreter der Mobilfunkbetreiber und einer Bürgerinitiative gegen Elektrosmog waren eingeladen. Und im Chat konnten die Teilnehmer Fragen stellen, von denen 35 am Schluss beantwortet wurden. Hilfreich war, dass man sich vorab anhand der Infobroschüre und des Mobilfunkgutachtens auf der Gemeinde-Homepage informieren konnten. Am Schluss gab es "Applaus"- und "Daumen-hoch"-Emojis sowie Lob im Chat für dieses Format der Bürgerbeteiligung.

Derzeit wird Weßling über zwei provisorische Mobilfunkmasten in der Hauptstraße und am westlichen Ortsrand versorgt. Gemeinsam mit den Netzbetreibern sucht die Gemeinde nach endgültigen Lösungen. Gutachter Hans Ulrich hat neun Standorte in Weßling und vier in Weichselbaum untersucht. Zwei wurden am westlichen Ortsrand sowie am Adelberg und einer bei Weichselbaum gefunden. Dort soll der Sendemast vor allem der Versorgung der S-Bahnstrecke dienen. "Damit kommen wir mit so wenigen Masten wie möglich aus", so Sturm. Schließlich können die Mobilfunkbetreiber die Anlagen gemeinsam nutzen. Die Anforderungen, die die Kommune an die Standorte stelle, seien minimale Strahlenimmission und maximale Netzabdeckung, außerdem sollen sie ortsbild- und naturverträglich sein.

Der Platz unterhalb des Wasserspeichers am Adelberg habe einen 70 Prozent geringeren Immissionswert als das Provisorium in der Hauptstraße, sagte Ulrich. Auch der Standort am westlichen Ortsrand werde geringe Strahlung aufweisen. Mit einer Kombination der beiden Stellen könnten das Ortsgebiet von Weßling und große Teile von Oberpfaffenhofen versorgt werden. Nur am westlichen und nordwestlichen Ortsrand und im Wald werde es Einschränkungen geben. Diese würden durch die Masthöhe von 42 Metern "deutlich geringer". Vodafone sendet bereits vom provisorischen Standort am westlichen Ortsrand. Wegen der Nähe zur Schule gab es kritische Fragen. Unternehmensvertreter Christian Schilling erklärte, dass dort die beste Netzabdeckung erreicht werden könne. Eine Verschiebung in Richtung Umgehungsstraße und Wald würde die Versorgung schwächen. "Wir wollen keine weitere Verschlechterung akzeptieren", so Schilling. Schließlich habe das Unternehmen bereits einen Kompromiss geschlossen, als es den Standort beim Bahnhof aufgab und an den Ortsrand ging.

Die Mobilfunkbetreiber seien übrigens nicht auf die Gemeinde angewiesen, sondern "können die Funkmasten als privilegiertes Bauvorhaben jederzeit auf privatem Grund realisieren", erklärte Sturm. Die Telekom etwa bleibt am Standort Hauptstraße, da sie dafür feste Verträge hat. Stefanie Bach kritisierte die Nähe des geplanten Masten zur Wohnbebauung in Weichselbaum. Es gebe doch einen Funkmasten im Argelsrieder Feld, ergänzte Gerd Pfister. Ob der mitgenutzt werden könne? Dabei handle es sich um eine Nachbarzelle des Netzbetreibers, von der aus die S-Bahn wegen des dazwischen liegenden Waldes und der Entfernung nicht versorgt werden könne, sagte der Gutachter.

Stefan Tophofen vom Bundesamt für Strahlenschutz informierte über Gesundheitsschäden durch Mobilfunkstrahlen. Gesichert ist ihm zufolge nur eine thermische Erwärmung durch hochfrequente elektromagnetische Felder. Ab einer Erwärmung um ein Grad Körpertemperatur komme es bei Menschen zu gesundheitsrelevanten Wirkungen, "davor schützen die Grenzwerte". Elektrosensible Menschen sollten sich an medizinische Beratungsstellen wenden. Wissenschaftlich belegbar seien solche Phänomene sowie eine gesteigerte Krebsrate nicht. Dafür gab es Kritik im Chat und den Vorwurf, dass sich das Bundesamt vor den Karren der Mobilfunklobby spannen lasse. Hans Schmidt, Stadtrat und Vertreter der "Bürgerinitiative Wolfratshausen zum Schutz vor Elektrosmog", sprach von einem "Kartell der Verharmloser". Er plädierte dafür, den Sicherheitsabstand zwischen Masten und Wohnbebauung um den Faktor zehn zu erhöhen. Als nächstes wird der Gemeinderat über die neuen Standorte befinden.

© SZ vom 10.04.2021
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