bedeckt München

Weßling:Filigranes aus Papier

Weßling,  Gemeinde Galerie, Scherenschnitte Ausstellung

Feinste Details lassen erahnen, wie aufwendig die kunstvolle Produktion eines Scherenschnitts - hier "Amor als Wagenlenker" - sein muss.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Gemeindegalerie zeigt die Ausstellung "Etienne de Silhouette und die Geschichte des Scherenschnitts"

Von Patrizia Steipe, Weßling

Seine Leidenschaft für Scherenschnitte hat Olaf Nie vor 15 Jahren entdeckt. Damals wurde der Meister im Buchbinderhandwerk für einen Vortrag über "Scherenschnitte" angefragt. Der Weßlinger hatte die filigranen Kunstwerke bis dahin eher mit einer "biedermeierlichen Muffigkeit" verbunden, gab er zu. Bei seiner Recherche und vielen Streifzügen über die Flohmärkte stieß er jedoch auf wahre Schätze. Seitdem sammelt Nie Schattenrisse. Auch wenn sie kein eigenes Kunstgenre seien und eher dem Kunsthandwerk zugeordnet werden: Für Nie gehören die fein geschnittenen Papierarbeiten zur Hochkultur. In der Weßlinger Gemeindegalerie zeigt Nie derzeit eine Auswahl seiner Fundstücke: "Etienne de Silhouette und die Geschichte des Scherenschnitts" lautet der Ausstellungstitel.

Es war der französische Finanzminister aus dem 18. Jahrhundert, der Namensgeber für die Papierarbeiten war. "Ihm wurde nachgesagt, dass er aus Geiz in seinem Schloss anstelle von Gemälden die gerade in Mode gekommenen Scherenschnitte an die Wände gehängt hatte", erklärte der Sammler. Bald wurden diese als "Silhouetten" bezeichnet. Vorläufer der Schattenrisse finden sich bereits in Höhlenmalereien. In Spanien etwa wurden rund 12 000 Jahre alte Schattenrisse von Händen entdeckt. Heute werden die Schwarzbilder gerne in der Werbung oder in Büchern verwendet.

Olaf Nies Sammlung umfasst mittlerweile die unterschiedlichsten Scherenschnitte und reicht von einer eher groben Schülerarbeit aus den 1980er Jahren bis hin zu dem winzigkleinen Weißschnitt verschiedener biblischer und weltlicher Szenen. Auf der Auer Dult hatte er die völlig zerknüllte und teilweise beschädigte Arbeit entdeckt. Viele Tage dauert es, bis der Buchbinder die aus weißem Papier ausgeschnittenen weltlichen und biblischen Szenen wieder restauriert hatte. Den "Weißschnitt" kennt man seit dem 17. Jahrhundert. Er war besonders in Klöstern beliebt und quasi ein Pendant zu Handarbeiten wie Klöppeln und Sticken, berichtete Nie. In der Wissenschaft untermauerte im 18. Jahrhundert Johann Casper Lavalter mit sehr plakativen Schattenrissen seine Theorie der Physiognomie. Der Pfarrer und Schriftsteller glaubte, den Charakter eines Menschen anhand von Gesichtszügen und Körperformen bestimmen zu können.

Ein Highlight der Ausstellung ist ein Schattentheater aus den 1890er Jahren mit den Spielfiguren zu einem Stück von Franz von Pocci: Hinter der Leinwand des Theaters sehen die Besucher den Umriss des dynamisch posierenden Kasperls. Die Leihgabe stammt aus einem Privathaushalt und wird regelmäßig bespielt.

Viele Scherenschnitte habe er "für kleine Münze" erwerben können, erinnert sich Nie. Mit der Zeit hat er seinen Blick für Qualität geschult. "Das ist ganz einfach: Man legt verschiedene Scherenschnitte nebeneinander und merkt sofort, welcher besser und lebendiger ist. Dann wird es aber auch teuer. Das ist wie bei Gemälden". Zu den Lieblingsstücken von Nie zählen die expressiven Scherenschnitte von Ernst Moritz Engert (1892 - 1986). Zart umschlungen sieht man zwei Eisläufer. Die Gliedmaßen sind grotesk verlängert, die Figuren zu Strichen reduziert. "Mich erinnert das an Salvador Dalí", sagt Nie.

Auch auf dem Notgeld der 1920er-Jahre prangen die Scherenschnitte. In einem kraftvollen Spiel zwischen Positiv und Negativ hat Hans Kinder das Notgeld aus dem Vogtland kreiert. In einer anderen Vitrine liegen Scherenschnitte der Autorin und Illustratorin Susanne Ehmke. Als junges Mädchen hatte sie bereits ausdrucksstarke Miniaturen und Leporellos gestaltet.

Die besonders hauchdünnen Papierschnitte gelingen nicht mit einer Schere, "selbst die Spitzeste wäre dafür noch zu grob." Dafür klebten die Künstler Papier mit Zuckerwasser auf eine Glasscheibe. Mit einem Federmesserchen konnten dann haarfeine Details herausgeschnitten werden, anschließend wurden die Silhouetten wieder abgelöst. Anhand der Schnittkante erkennt Nie, ob die Kunstwerke mit Federmesser oder Schere geschnitten oder industriell gestanzt wurden für die Massenanfertigung. "Einzig die modernen Laserschnitte haben makellose Papierränder ohne jeden Grat oder Werkzeugspuren", weiß Nie und zeigt eine Einladungskarte eines Wirtschaftsunternehmen mit feinstem Papierschnitt.

Die Scherenschnitt-Ausstellung in der Gemeindegalerie (Hauptstr. 57) in Weßling ist bis März 2021 freitags und sonntags (14 bis 17 Uhr) geöffnet.

© SZ vom 15.10.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite