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Tutzing:Unterhaltsame Runde

Filmgespräch mit Graf und Bierbichler; Beim Filmgespräch in Tutzing

Mit Temperament: Josef Bierbichler, Moderatorin Sylvia Griss und Dominik Graf (v.li.) beim Filmgespräch.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Josef Bierbichler eilt der Ruf des Unnahbaren voraus, aber das könnte nur Gerede sein. Beim Gespräch mit Dominik Graf jedenfalls über "Verfilmte Zeit" gibt sich der Ambacher, der anfangs so ernst dreinschaut wie ein Schiffskapitän nach dem Sturm, witzig und jovial. Er sagt wunderbare Sätze wie "Vier-Stunden-Filme sind oft die kürzesten, die man sehen kann". Er räsoniert darüber, dass der eigene Text oft klüger ist als der Autor ("oh, wenn's von mir ist, Respekt!"). Fragt das Publikum im fast vollbesetzten Auditorium der Politischen Akademie Tutzing nach der Meinung oder stellt unkonventionell fest, dass Graf einen tollen Satz gesagt habe, der unterzugehen drohe: dass die Leute Ende des 18. Jahrhunderts näher am Tod lebten als die Menschen heutzutage.

Graf wiederum, der zweite Ehrengast des Festivals, ist oft erfrischend radikal. Wenn es um seine Branche geht, redet der Münchner sowieso Tacheles: dass die Leute wegen bekannter Schauspieler ins Kino gehen, dass Redakteure oder Produzenten die ideale Filmlänge festlegen - alles extrem peinlich. Graf zieht sogar den Vergleich zur Filmkunst hinter dem eisernen Vorhang. Klar, der Zensurdruck habe Regisseure einst zu Höchstleistungen angespornt. Aber "man sollte sich das nicht herbeiwünschen, wir haben es eh". Was bei dieser Konstellation herauskommt, ist klar: ein amüsantes, lebendiges Gespräch mit Tiefgang, das manchmal sogar privat wirkt, etwa wenn Bierbichler ein Rollenangebot von Graf erwähnt, das er ablehnte.

Der Diskurs dreht sich nicht die ganze Zeit um Zeit. Moderatorin Sylvia Griss ("Capriccio") stellt auch Fragen zu Serien, Sprache und Filmmusik. Am interessantesten aber ist das Gespräch, wenn die Regisseure auf ihre Arbeiten zu sprechen kommen, also auf "Zwei Herren im Anzug", respektive "Hanne" oder "Geliebte Schwestern". Einmal versucht Bierbichler die komplexe Rollenaufteilung von Sohn und Vater in seinem Film zu erklären. Das klingt so verwirrend, dass er selbst belustigt dreinschaut, mit der Hand winkt und sagt: "Können Sie eine andere Frage stellen?"

© SZ vom 10.09.2018 / sum
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