Tutzing:Rollenwechsel

Er imitiert für sein Leben gern Landespolitiker, ist dabei wandlungsfähig, respektlos und bissig. Der Kabarettist Wolfgang Krebs brilliert mit seinem neuen Programm "Vergelt's Gott" in der Politischen Akademie

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Tutzing

Es ist längst zu seinem Markenzeichen geworden: Im Kabarett von Wolfgang Krebs treffen Altministerpräsidenten mit ihren Nachfolgern (un)gern und häufig zusammen. In seinem Programm "Vergelt's Gott", das er am Sonntag vor ausverkauftem Haus erstmals in der Politischen Akademie Tutzing präsentierte, könnten die Ministerpräsidenten womöglich auch einmal im bayerischen Himmel aneinandergeraten. Doch es gibt einen Haken: Es ist schon so lange kein CSU-ler mehr in den Himmel gekommen, dass sich Petrus Sorgen macht. Auch die Politiker selbst sind nicht begeistert, wenn sie gemeinsam auf einer Wolke sitzen sollen.

Als Double der bayerischen Ministerpräsidenten auf dem Münchener Nockherberg wurde Krebs deutschlandweit bekannt. Doch auch in Sendungen wie "Quer" oder "Lachmatt" ist seine Rolle als Landesvater eine feste Größe. Mit Auftritten wie diesen konnte sich der 55-Jährige auch über die Pandemie retten, im Gegensatz zu vielen seiner Berufskollegen. Deshalb engagiert er sich für Kollegen, denen es nicht so gut geht. Viel Zeit konnte Krebs während der Pandemie auch in sein neues Programm investieren, daher baute er die alten Figuren aus und neue kamen hinzu.

Bislang waren die Landespolitiker wie geschaffen für rasante Rollenwechsel. Der dunkle Anzug war immer gleich (nur Hubert Aiwanger trägt einen Trachtenjanker), es musste lediglich die Perücke gewechselt werden. Bei Stoiber ist es eine korrekt frisierte Grauhaarperücke, bei Seehofer ist sie leicht zerzaust und bei Söder grau-meliert mit dem typischen Haarwirbel an der Stirn. Dann wechselt er je nach Bedarf die Stimmlage und wird blitzschnell zu Stoiber mit seinen typischen "ähs" und schusseligen Silbendrehern, um dann auf die Größe eines Horst Seehofer mit charakteristischer Lache anzuwachsen oder sich als Markus Söder mit ausgeprägtem Ego aufzurichten. Doch dieses Mal zieht sich Krebs für seine Figuren komplett um hinter einer Kulisse mit weiß- blauem Himmel. Stoiber erscheint dieses Mal im blau-weißen Engelskostüm mit goldenen Flügeln. Herrlich ist der Auftritt des Kabarettisten als König Ludwig II. in Galauniform oder als Angela Merkel im typischen Hosenanzug. Weil auch ein geübter Parodist wie Krebs für die Verwandlung etwas Zeit braucht, werden die Besucher unterdessen mit Stimmen aus dem Off unterhalten. Dabei wird die Geschichte erzählt, dass nicht mehr Alois Hingerl die göttliche Eingebung an die Bayerische Staatsregierung überbringt, sondern König Ludwig II., beziehungsweise sein Ansprechpartner auf Erden, Edmund Stoiber.

Krebs gab sich gewohnt respektlos und bissig. Dabei hagelte es gezielte Seitenhiebe auf die Grünen (die Spitzenflieger unter den Politikern), die Flinten-Uschi (Schlamperei bei der Beschaffung von Impfstoff), Angela Merkel ("ich weiß, wir kommen alle in den Himmel - wir schaffen das") oder auf das letzte Kabinett ihrer Amtszeit ("ich spreche bewusst nicht von einer Gurkentruppe, das haben sie nicht verdient - die Gurken"). Pandemiebedingt spielte Krebs das 90-Minuten-Programm ohne Pause durch und nahm dabei zusehens Fahrt auf. Manchmal war er zwar etwas zu routiniert, aber immer waren seine messerscharfen Attacken überzeugend. Sein treues Publikum dankte es ihm mit lauten Bravo-Rufen und begeistertem Applaus.

© SZ vom 06.07.2021
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