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Tutzing:Ort der Chancengleichheit

Die Gemeindebücherei Tutzing hält 33 000 Medien bereit, denn "wer nicht lesen kann, ist abgehängt", sagt die Leiterin

Von Manuela Warkocz, Tutzing

Klein, aber fein - so präsentiert sich die Gemeindebücherei Tutzing im Erdgeschoss und Keller des Rathauses. Auf nur 300 Quadratmetern hält die Leiterin Anke Benn-Ortlieb mit ihrem Team 33 000 Medien bereit. Bei der Größe Tutzings mit knapp 10 000 Einwohnern wäre eigentlich eine Bücherei mit 600 bis 800 Quadratmeter vorzusehen. Gegenwärtig freilich ein Wunschtraum. In der gutbürgerlichen Seegemeinde steht die Bildungseinrichtung auch so hoch im Kurs. Mehr als jeder fünfte Einwohner hat einen Leseausweis. 2033 aktive Leser mit mehr als 32 000 Besuchen und 62 000 Entleihungen zählte die Bücherei im Jahr 2019. Manche Tutzinger holen sich sogar zwei Mal die Woche neuen Lesestoff. Doch um die junge Generation ans Lesen heranzuführen und Senioren bei der Stange zu halten, sieht sich die Bücherei neuen Herausforderungen gegenüber. Das machte die Leiterin kürzlich im Hauptausschuss deutlich. Dort stellte Benn-Ortlieb, die seit 1986 in der Bücherei tätig ist, den Gemeinderäten ihr Konzept vor.

Als "Volksbücherei" wurde die Gemeindebücherei 1948 gegründet, mit gerade mal 333 Büchern im Angebot. Heute kann man aus einem Bestand von mehr als 26 000 Printmedien wie Büchern und Zeitschriften auswählen, dazu kommen mehr als 7000 Non-Books wie CDs und DVDs. Der gesamte Medienbestand kann online recherchiert werden. Das Angebot steht Erwachsenen für eine Jahresgebühr von 28 Euro zur Verfügung. Familien, die Hauptnutzer, zahlen 43 Euro, Kinder sogar nur elf Euro. Im vergangenen Jahr konnte die Bücherei ihre Ausgaben für Neuerwerbungen, Einbände und Lizenzen aus den Einnahmen von rund 34 000 Euro bestreiten. Personal- und Gebäudekosten übernimmt die Gemeinde.

Ihr besonderes Augenmerk richtet die Bücherei einerseits auf die Leseförderung von Kindern und Jugendlichen, andererseits auf Senioren, weil der Anteil der über 65-Jährigen in Tutzing zunimmt. Um Lesefreude schon bei den Kleinsten zu wecken, werden nicht nur junge Eltern mit etwa 1000 Bilderbüchern, Kindersachbüchern, Märchen und englischsprachigen Büchern angesprochen. Eng kooperiert die Bücherei mit Tutzinger Kindergärten und Schulen. "Büchereiführungen und kostenlose Klassenausleihen sollen garantieren, dass jedes Tutzinger Grundschulkind die Gemeindebücherei bereits in jungen Jahren kennen und lieben lernt", betont die Leiterin. Lehrer können sich zu bestimmten Themen, etwa zum Wald, Bücherkisten zusammenstellen und sogar liefern lassen. Älteren Kindern stehen 4500 Kinder- und Jugendromane zur Verfügung, auch auf Englisch und Französisch. Die Bücherei versteht sich als frei zugänglicher, kommerzfreier Ort der Chancengleichheit. Denn: "Wer nicht lesen kann, ist abgehängt", so Benn-Ortlieb. Dabei macht der digitale Wandel, den Kinder der Jahrgänge 1997 bis 2012 - Generation Z - verinnerlicht haben, auch vor der Bibliothek nicht Halt. Das Medienangebot wird angepasst, etwa Lexika aussortiert und um elektronische Medien erweitert wie TipToi-Bücher und E-Learning. Um Lesemotivation und -fähigkeit zu fördern soll es künftig extra Büchereiangebote für Ganztagsklassen und Horte geben, Präsentationen des Büchereiangebots etwa bei Lehrerkonferenzen, und der Bedarf an mobilen Büchereiangeboten soll ermittelt werden.

Letzteres könnte auch den älteren Büchereinutzern zugute kommen. Ebenso wie ein möglichst barrierefreier Zugang zu den Räumen, den Bürgermeisterin Marlene Greinwald auch bald in Aussicht stellte. Zur Diskussions stehen zudem ein Abholdienst für Nutzer, denen der Weg, etwa aus den Ortsteilen, zu beschwerlich ist, und ein Bücher-Bringdienst durch ehrenamtliche Paten.

© SZ vom 22.10.2020
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