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Starnberg:Tierheim fordert mehr politische Unterstützung

Die Starnberger Einrichtung, die im Jahr mehr als 800 Wild- und Haustiere betreut, fühlt sich im Stich gelassen. Nicht nur die mangelnde finanzielle Unterstützung macht Probleme, sondern auch der Klimawandel und der Leichtsinn der Leute.

Neben dem Eingang befindet sich eine Winterhöhle für Igel. Folgt man dem Pfad am Hundehaus vorbei, steht man vor einem Wegweiser. Geradeaus geht es nach Entenhausen, links ins Katzenhaus, rechts in den Hasenstall. Das Starnberger Tierheim kümmert sich um mehr als fünfzehn Tierarten und hat im vergangenen Jahr 870 Wild- und Haustiere versorgt. Finanzielle Unterstützung von Bundes- oder Landesregierung erhält das Heim dabei kaum, obwohl es von den Behörden in Obhut genommene Tiere in Pflege nimmt. Ein Punkt von vielen, über den Tierheimleiterin Christine Hermann und Rainer Henkelmann, Vorsitzender des 1953 gegründeten Tierschutzvereins Starnberg, mit einer Delegation der Grünen sprachen. Mit dabei waren Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende im Landtag, Landratskandidatin Martina Neubauer, die Bürgermeisterkandidatinnen Kerstin Täubner-Benicke (Starnberg) und Diana Franke (Gilching) sowie Kreisrat Gert Mulert und Stadtratskandidatin Annette Kienzle (Starnberg).

Katharina Schulze im Tierheim

Katzen, Hunde und viele andere Tiere, die Asyl im Starnberger Tierheimgefunden haben, suchen ein neues Zuhause.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

"Wir fühlen uns vom Staat alleine gelassen. Unsere Lage verschlechtert sich immer mehr", sagte Christine Hermann. Der Freistaat unterstütze Jagdverbände mit großen Summen, in den vergangenen zwei Jahren habe es aber nur einmalig zwei Millionen Euro für 85 Tierschutzeinrichtungen in Bayern gegeben. Umgerechnet sind das etwa zwölftausend Euro pro Jahr für jede Einrichtung. Zum Vergleich: Alleine die Kosten für Tierarzt, Medizin und Futter betragen in der Starnberger Tierhilfe etwa 210 000 Euro pro Jahr. Zu 80 Prozent finanziert sich der Verein durch Privatspenden. "Wow", sagt Neubauer, "in der Wohlfahrt ist es genau andersherum, da werden 80 Prozent vom Staat getragen und nur ein Fünftel privat."

Katharina Schulze im Tierheim

Das Kaninchen hier wurde einst im Wald ausgesetzt, bevor man es im Tierheim aufnahm.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Dabei steigen die Kosten des Tierschutzvereins, Träger des Tierheims, jährlich an. "Jeden Tag erleben wir als einziges Tierheim im Landkreis die Folgen der Schnelllebigkeit der Gesellschaft. Da wird im Internet spontan ein Tier bestellt, weil es auf dem Foto süß aussieht", erzählt Heimleiterin Hermann. "Wenn der Welpe dann aber überraschend ins eigene Heim pinkelt, wird er abgegeben - er wird zum Wegwerfhund." Auf die Frage von Schulze, wie das Tierheim mit solchen Situationen umgehe, sagt Hermann: "Wir haben keine andere Möglichkeit, wir schlucken das runter. Einmal hat eine Frau ihre Katze von uns abholen lassen, da sie kein Geld für den Transport und die Pflege hätte. Zwei Wochen später steht genau diese Frau mit ihrem dicken Auto bei uns vor der Türe und will ihr Tier zurück. Das hat sie aber nicht mehr bekommen."

Katharina Schulze im Tierheim

Seit mehr als 50 Jahren besteht das Tierheim Starnberg.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Neben dem Leichtsinn der Leute spüre das Tierasyl besonders den Klimawandel. So würden Igel durch die milden Winter zu früh wach und hätten zu wenig Nahrung zur Verfügung. Auch bei Katzen sei der Wandel zu spüren, diese bekämen nun auch im Winter Nachwuchs, der ohne Hilfe oft kaum lebensfähig sei.

Um wenigstens bei der Energieversorgung finanziell unabhängiger zu werden und als Maßnahme für den Klimaschutz hat Henkelmann ein neues Energiekonzept angeregt. Gemeinsam mit der Energiegenossenschaft Fünfseenland unter Leitung von Gerd Mulert wurde dieses nun zu großen Teilen umgesetzt. Ein Blockheizkraftwerk ersetzt die alte Ölheizung, eine Photovoltaikanlage auf dem Dach produziert Strom. Dadurch konnte auch ein großer Heizöl-Erdtank nahe des Landschaftsschutzgebietes stillgelegt werden. Insgesamt reduziert das Heim seinen jährlichen Kohlendioxidausstoß um vier Tonnen. Die Genossenschaft finanzierte die 200 000 Euro des Umbaus mit Bürgerkapital. Das Tierasyl zahlt den Kredit in den kommenden 15 Jahren ab, erneut ohne Unterstützung von Bundes- oder Landesregierung. Eine finanzielle Belastung.

Katharina Schulze im Tierheim

Braver Hund: Eine Delegation der Grünen besucht das Tierheim Starnberg, rechts dessen Leiterin Christine Hermann.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Thomas Sterr, Hausmeister des Tierheims, macht sich Sorgen um die Zukunft. "Man fragt sich schon, hat man nächstes Jahr noch einen Job? Hier arbeiten 17 Mitarbeiter, die sich das fragen." Ohne die knapp 60 Ehrenamtlichen wäre eine Versorgung der aktuell 150 betreuten Tiere nicht möglich. "Unsere Kollegen im bayerischen Wald und in Niederbayern haben bereits große Existenzängste", berichtet Hermann. Neubauer sagte, die Kommunen stünden hier in unmittelbarer Verantwortung. Bisher bekommt das Tierheim nur Prämien von den Gemeinden, wenn es ein Fundtier aufnimmt. "Wir bekommen Geld durch die Fundtieraufnahme, sind aber oft schon an der oberen Auslastung", sagt Hermann, "die geplante Wildtierauffangstation in München gibt es bisher nicht." Auch Schulze findet, die Landesregierung hätte mehr Förderoptionen. Zum Abschluss meinte Schulze: "Wenn es Sie nicht gäbe, was würden wir dann tun? Sie bereiten so viel Freude und sind Baustein der Gesellschaft." Darauf erwiderte Hermann nur: "Dank ist schön, aber wir brauchen einen Strukturwandel, wir brauchen politische Unterstützung."

© SZ vom 24.02.2020
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