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Serie: Schauplätze der Geschichte:Bluttat am Hochzeitstag

Ein Königsmord, den ein verschmähter Wittelsbacher beging, besiegelte das Ende der Andechser Grafen im 13. Jahrhundert. Von ihrem Erbe ist die Wallfahrt zu wertvollen Reliquien auf den Heiligen Berg geblieben. Das Bier kam erst später mit den Benediktinermönchen

Von Christiane Bracht, Andechs

Wer Andechs hört, der denkt ganz unwillkürlich an Bier und Beten - die meisten wohl auch in dieser Reihenfolge. Aber dass der Heilige Berg einmal im Zentrum der weltlichen Macht Europas lag, das wissen die wenigsten. Es waren nicht die Mönche, die große Politik machten. Eine der einflussreichsten Adelsfamilien Bayerns lebte hier: die Andechs-Meranier. Die Grafen strebten nach Macht und Ansehen, und das mit viel Erfolg - zumindest anfangs. Durch kluge Heiratspolitik, geschickte politische Schachzüge und mit Hilfe einflussreicher Ämter eroberten sie Ländereien in halb Europa. 1180 verlieh Kaiser Friedrich Barbarossa den Andechsern als Lohn für ihre treuen Dienste sogar den Herzogtitel von Meranien.

Doch dem steilen Aufstieg folgte ein noch rasanterer Abstieg, der sich so spannend liest wie ein Kriminalroman. Liebe, Neid, Intrigen und falsche Verdächtigungen spielen darin eine große Rolle. Im Mittelpunkt aber stand ein Mord: der an König Philipp, einem Sohn Friedrich Barbarossas. Die Bluttat geschah zwar nicht auf der Burg in Andechs, sondern auf dem Bamberger Domberg. Aber die Auswirkungen bekam man auch auf dem Heiligen Berg zu spüren, dem Stammsitz der Familie. 1132 hatten die Andechser nämlich ihren ursprünglichen Sitz in Dießen endgültig verlassen und waren auf den gegenüberliegenden Hügel gezogen.

Es geschah am frühen Nachmittag des 21. Juni 1208 in Bamberg, so die Überlieferung. Die Adeligen feierten gerade die Hochzeit des Andechser Herzogs Otto VII. mit Beatrix von Burgund. Diese Heirat sollte den Höhepunkt des Aufstiegs der Andechser markieren, denn Beatrix war die Enkelin von Kaiser Friedrich Barbarossa und die Nichte von König Philipp von Schwaben. Beim Pfalzgrafen Otto von Bayern jedoch erweckte die Hochzeit einen solchen Zorn, dass er König Philipp, der sich auf sein Zimmer zurückziehen wollte, um sich auszuruhen, mit dem blanken Schwert in der Hand folgte und ihn tötete. Der König hatte wohl zuvor dem Wittelsbacher die Heirat mit seiner Nichte versprochen, sich dann aber später doch für den Konkurrenten aus Andechs entschieden.

Pikanterweise litten aber nicht die Wittelsbacher unter der Bluttat, ganz im Gegenteil: Sie profitierten davon. Das Nachsehen hatten die Andechser. Für sie war der Mord eine Katastrophe. Denn man beschuldigte den Bamberger Bischof Ekbert und seinen Bruder Heinrich, beides Andechs-Meranier, der Mitwisserschaft. Denn der Mord hatte auf ihrem Terrain stattgefunden. Zur Erinnerung: Die Andechser besaßen nicht nur die Region um den Ammersee, sondern auch weite Teile Frankens, Gebiete bis Passau, Tirol, Burgund, Istrien und das Herzogtum Meranien an der Adria. Ekbert und Heinrich verloren nach dem Mord ihre Privilegien, ihre Güter bekamen die Wittelsbacher, darunter auch die Burg in Andechs. Obwohl sich später herausstellte, dass die Andechs-Meranier unschuldig waren, konnten sie sich nie mehr von dem Schlag erholen. 1248 starb die Familie in der männlichen Linie aus.

Auf der Andechser Burg ging es bis 1208 aber nicht nur um Politik und Machtstreben, die Grafen und Herzöge waren auch sehr fromm. So brachte der Ahnherr der Sippe, Graf Rasso (er starb 925), aus dem Heiligen Land so genannte Herrenreliquien mit: Partikel von der Dornenkrone, dem Kreuz, dem Spottzepter und dem Schweißtuch Christi. Dieser Schatz wurde in der Kapelle aufbewahrt und zog zahlreiche Pilger an. Das Beten auf dem Heiligen Berg hat also eine sehr lange Tradition, eine längere sogar als das Kloster und auch das Bier. Andechs ist der älteste Wallfahrtsort in Bayern. Die Gläubigen kamen, suchten Heil bei den Reliquien und zugleich etwas Greifbares, um sich ihres Glaubens vergewissern zu können. Graf Berthold II., ein Nachfahr von Rasso, forcierte das ganze noch, indem er 1128 seine Untertanen sogar dazu verpflichtete, einmal im Jahr eine Wallfahrt auf den Heiligen Berg zu machen. Seither gab es einen unablässigen Pilgerstrom. Und auch der Heiltumsschatz vergrößerte sich im Laufe der Jahre. So kamen die drei Heiligen Bluthostien dazu - Hostien, auf denen rote Symbole erschienen, als man sie verteilen wollte: ein Kreuz, ein Fingerglied und ein IHS-Zeichen, die Kurzform des Namens Jesus. Sie gehen auf das sechste beziehungsweise 11. Jahrhundert zurück. Graf Otto erbat sie sich von seinem Bruder Berthold als Heilmittel in einer Notlage, seither sind sie in Andechs. Zum Heiltum gehört auch ein Stück vom Brautkleid der Heiligen Elisabeth.

Als die Wittelsbacher 1246 die Burg ihrer Widersacher zerstörten, blieb nur die Kapelle des Heiligen Nikolaus übrig. Allerdings war der Schatz der Andechser plötzlich verschwunden. Die Pilger blieben fern. Und so war es fast 200 Jahre lang ziemlich ruhig auf dem Heiligen Berg. Das änderte sich erst Mitte des 15. Jahrhunderts wieder. Grund dafür war eine kleine Maus: Während einer Messfeier, so geht die Legende, soll sie aus einem Loch in der Wand der Burgkapelle einen Reliquienzettel gezogen haben. Man begann unter dem Altar zu graben und entdeckte 1388 den bereits verloren geglaubten Schatz. Herzog Stephan III. reagierte schnell. Bevor der Bischof von Ebersberg, dem Andechs unterstand, das Heiltum an sich reißen konnte, brachte er es nach München in die herzogliche Kapelle der Wittelsbacher im Alten Hof. Dort stellte man den Schatz aus und begann Opfergelder zu sammeln, um auf dem Andechser Berg ein Kloster errichten zu können. Als die Kirche 1423 erbaut war, brachte Herzog Ernst das Heiltum zurück und die Pilger kamen wieder. Ein Kollegiatsstift, eine Gemeinschaft aus Weltpriestern, sollte sie betreuen. Doch lange währte das nicht. Die Wittelsbacher holten 1455 Benediktiner vom Reformkloster Tegernsee zum Heiligen Berg, die sich seither um die Wallfahrer und das Heiltum kümmern.

Von der Burg der Andechs-Meranier ist heute auf dem Berg nichts mehr zu finden. Man weiß auch nicht, wie sie aussah. Die Grundmauern der ehemaligen Burgkapelle befinden sich vermutlich unter der Heiligen Kapelle. Geblieben ist allein der Heiltumsschatz, der heute in einer Vitrine der Heiligen Kapelle aufbewahrt wird. Nur am Dreihostienfest Ende September wird die Monstranz herausgeholt und den Pilgern gezeigt. Doch die Benediktiner sind traditionsbewusst, und so beginnt ihre Chronik nicht 1455, sondern mit den Andechser Grafen. Zu Ehren von Graf Rasso haben sie in der Barockzeit sogar einen Altar in der Kirche errichtet. Der Grund: "Ohne Rasso gäbe es uns nicht."

Tja, und das Bier? Das kam mit den Mönchen auf den Heiligen Berg. Für Arme, Pilger und Gäste gab es seinerzeit dünnes Bier, für Mönche normal eingebrautes Bier und für Äbte und höhergestellte Gäste starkes. So hierarchisch geht es heute nicht mehr zu. Wer ins Bräustüberl kommt, kann frei wählen, was er trinkt.

Am Donnerstag: Im 14. Jahrhundert kommt es in Puch zu einer Bärenjagd mit tödlichem Ausgang.

© SZ vom 03.09.2014

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