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Projekt mit Schülern:Starnberg 2040

Junge Menschen sollten Visionen für ihre Kreisstadt entwickeln. Ihre Konzepte für eine lebenswerte Zukunft haben sie nun in einer Bürgerversammlung vorgestellt

Vier Schulen, vier Projekte, ein Ziel: Wie smart, also wie modern kann Starnberg im Jahr 2040 aussehen? Ideen dazu haben etwa 60 Schülerinnen und Schüler in nur zwei Tagen erarbeitet - und dann bei einer speziellen Bürgerversammlung vorgestellt. Initiiert hat das Projekt Heike Pfeffer vom Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft und der Bildungsinitiative "Technik - Zukunft in Bayern 4.0". Es soll die jungen Menschen zu einem Blick in die Zukunft ihrer Stadt bewegen und dazu, sich Gedanken über ihren Werdegang zu machen. Daher erarbeiteten sie nachhaltige, moderne, mit der Digitalisierung einhergehende Konzepte.

Moderiert wurde die Präsentation ihrer Ideen, die wie eine Bürgerversammlung ablief, von Omid Abtai, dem Jugendbeauftragten des Gemeinderats Poing. Das bedeutete: Nach jedem Antrag, also nach jeder Präsentation, wurde darüber diskutiert. Das Gremium aus Annette von Nordeck von der Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung im Landkreis Starnberg (GWT), Landrat Karl Roth, Gert Bruckner vom bayerischen Ministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, und Marc Hilgenfeld, Geschäftsführer der Bezirksgruppe München-Oberbayern in der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Die rund 80 Zuhörer durften Fragen stellen, loben und kritisieren. Dann wurde über die Anträge abgestimmt. Die Präsentationen bei einer extra organisierten Bürgerversammlung stattfinden zu lassen, ist Teil des Projekts: Die Schüler sollen sich nicht nur mit dem Starnberg von 2040 beschäftigen, sondern auch zur politischen Teilhabe ermutigt werden. Was die Schüler dazu beitragen wollen und wie sie die Zukunft ihrer Stadt sehen:

Fühlwege

Die Mittelschule Gilching stellte ein Konzept zur "Smart Communcation" vor, das blinden Menschen mehr Freiheit und Sicherheit im Straßenverkehr verspricht. "In Starnberg gibt es nämlich zirka 250 Blinde", sagte Sorosch, der den Vortrag mit einer Mitschülerin gemeinsam hält. Auf den Gehwegen sollen verschiedene Muster eingraviert sein, die blinden Menschen sollen akustische Hinweise für Navigation oder Gefahren via einer App erhalten, die mit dem Blindenstock verbunden ist. Außerdem sollen Induktionsplatten in die Fühlwege eingebaut werden, die beim Drüberlaufen Strom erzeugen. Der könnte dann zum Beispiel an Elektroautos abgegeben werden. Auch Touristen soll die App zu einem besseren Zurechtfinden verhelfen - mit Informationen über Sehenswürdigkeiten und Hotels oder Fahrplänen.

Starnberg: LRA Smart City Projekte

Die Projektgruppe aus Gilching stellt "Fühlwege" vor.

(Foto: Nila Thiel)

Hilgenfeld fand das eine "sehr charmante Sache". "Der Vorschlag könnte sogar zu einer Entstigmatisierung der Sehbehinderten führen, weil die Informationen für jedermann hilfreich sind, nur für Sehbehinderte eben ein bisschen mehr", sagte er. Auch Eva John, Bürgermeisterin von Starnberg, war begeistert, Starnberg solle ja eh bis 2023 barrierefrei werden. Bruckner wies - "als Vertreter des Wirtschaftsministeriums" - auf die Kosten hin. Der Antrag wurde einstimmig angenommen.

Schule der Zukunft

Die Paul-Hey-Mittelschule Gauting möchte Kreide, Tafel und Anwesenheitslisten durch eine "Schoolwatch", eine extra für die Schule konzipierte Smart-Watch, und VR-Brillen, also Virtual-Reality-Brillen, ersetzen. Von der siebten Klasse an soll jeder Schüler eine School-Watch tragen. Mit dieser kann man auf den Stundenplan zugreifen, sie erinnert an Hausaufgaben und Proben und fungiert gleichzeitig als Fahrkarte. Mit den VR-Brillen kann man - auch krank von zu Hause aus - beispielsweise chemische Experimente sicher anstellen. Auch in der Ausbildung sollen die beide Spielereien Anwendung finden.

"Aber das ist ja schon eine Form der Kontrolle, wenn der Lehrer sehen kann, wer wann wo meine Hausaufgaben gemacht hat", merkte Hilgenfeld an. Das ist wohl ein Punkt, der nicht ganz aus der Welt geschafft werden kann. "Aber im Landkreis haben wir in technischer Hinsicht definitiv noch Aufholbedarf", sagte von Nordeck. Der Antrag wurde trotz einiger Gegenstimmen - darunter Bruckner und Hilgenfeld - angenommen.

Summer Adventure Ticket STA

"STA" steht für "Summer Adventure Ticket" und wurde vom Gymnasium Kempfenhausen vorgestellt. Ihr Konzept ist ein Kombiticket aus MVV und Elektroboot. Das Boot soll im Sommer Badegäste an die gewünschten Stellen am See bringen - sodass diese dafür kein Auto mehr brauchen. "Dadurch gibt es weniger Stau und weniger CO₂-Verbrauch", sagte Giulia, eine der beiden Vortragenden. Auf dem Elektro-Shuttle soll es Solarzellen als Sonnenschutz, kostenloses Wlan, Wasserspender und gekühlte Sitzbänke geben. Das Kombiticket soll acht Euro pro Person kosten, im Familientarif 20. Zum Beispiel zum Ferienbeginn hin soll es "Special Offers" geben.

Gauting: Mittelschule Paul-Hey-Schule: Seminar zu Smart City

Die Gruppe aus Gauting macht ihre Vision zur Realität: Sie testen einen Tag lang VR-Brillen.

(Foto: Nila Thiel)

Roth betonte, er habe selten einen so ausgefeilten Antrag gesehen. Auch die Besitzerin eines Hotels am See aus dem Plenum zeigte sich begeistert, so müsse sie die Gäste nicht mehr mit dem Auto von der S-Bahn abholen, sondern die würden über den See direkt zu ihr gebracht. "Das würde voraussetzen, dass der Shuttle auch an jedem einzelnen Hotel hält", gab Hilgenberg zu bedenken. Die Bayerische Seenschifffahrt mache der Elektro-Shuttle aber keineswegs überflüssig, erklärten die Schülerinnen, "das Boot ist rein zum Fortbewegen gedacht, das soll kein Ausflugsdampfer sein". Der Antrag wurde angenommen.

Smartberg

Die Mittelschule Starnberg stellte eine Website vor, mit der das Leben im schönen, aber teuren Starnberg einfacher und kostengünstiger werden soll. Unter smart-living.website kann man Kategorien aufrufen, die verschiedene Ideen vorstellen: Unter "Food Find" soll nicht verkauftes Essen aus Supermärkten oder Restaurants günstiger angeboten werden. Auch "Future Clothes", wo Kleidung getauscht, geflickt oder verschenkt werden kann, und "Wohnen", wo sich Menschen registrieren können, die ein Zimmer frei haben, sind Kategorien.

Roth gefiel diese Idee besonders gut. Er schlug allerdings vor, das Ganze als App zu gestalten: "Damit kommt man aus diesem Touch des Sozialhilfeempfängers raus und hat keine Scham mehr, zum Beispiel Food Find zu nutzen."Auch im Plenum ist die Begeisterung groß. "Sichert euch schnell die Rechte für den Namen Smartberg", riet Abtai, "der Herr Landrat hat sich den schon notiert." Auch der vierte Antrag wurde angenommen.

Für Bruckner war die Veranstaltung ein großer Erfolg - auch wenn sie vorerst ohne Konsequenzen bleiben wir. "Ich finde es toll, dass sich die jungen Leute Gedanken machen, auch was ihre Zukunft angeht. Es gibt ja heutzutage doch viele junge Leute, die von einem Tag zum anderen leben", sagte er. Und auch die Schüler profitierten davon: Immerhin wurde ihnen ein Zertifikat und eine Tafel der "Seenliebe"-Schokolade überreicht.

© SZ vom 26.11.2019
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