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Politischer Aschermittwoch im Landkreis Starnberg:Stabilitätsanker der Republik

Wörthsee, Augustinum, Politischer Aschermittwoch Grüne

Der Fisch muss warten, denn zunächst wird politisiert im "Augustiner am Wörthsee": (von links) die Grünen Florian Tyroller, Martina Neubauer, Bernd Pfitzner, Bundestagsabgeordneter Erhard Grundl und Kerstin Täubner-Benicke.

(Foto: Georgine Treybal)

Nach Ansicht der Grünen ist die Zeit reif für ein Bündnis mit den Schwarzen. In Wörthsee mahnen Bundestagsabgeordneter Erhard Grundl und Landratskandidatin Martina Neubauer zum Zusammenhalt

Von Christine Setzwein, Wörthsee

"Braucht's des?!" Wenn Gerhard Polt diesen Satz ins Publikum schleudert und vielleicht noch ein lautes "Ha!" hinterherwirft, ist sonnenklar, dass diese Frage auf keinen Fall mit einem Ja beantwortet werden kann. Sie drückt eher aus, was es nicht braucht: Spießer, Schlawiner, Absahner, Grattler, Amigos, Fremdenfeindlichkeit, Dummheit, Ignoranz und Arroganz. Mit diesem "Braucht's des?!" hat der Grünen-Abgeordnete Erhard Grundl seine erste Rede im Bundestag eröffnet. Darin bezieht der Niederbayer Stellung zum Vorstoß der AfD, das Grundgesetz zu ändern und die deutsche Sprache als Landessprache festzuschreiben. Wie klug und amüsant er das tut, ist in der Mediathek des Parlamentsfernsehens nachzuschauen.

Dieser Erhard Grundl, 57, ist am Mittwoch der Gastredner beim Politischen Aschermittwoch des Kreis- und Ortsverbands der Grünen in Wörthsee. An diesem Abend spricht er niederbairisch, "weil ich's nicht verhindern kann" und weil der Dialekt für Heimatverbundenheit und Erdung stehe. Das sei seine erste Fastenpredigt, sagt der langjährige Straubinger Stadtrat, der erst mit 40 in die Politik ging und 2017 Bundestagsabgeordneter der Grünen wurde. Er hätte auch in der SPD landen könne, erzählt er, denn "jeder Politiker muss zunächst Sozialpolitiker sein". Sich darum zu kümmern, dass jeder Mensch die gleichen Möglichkeiten habe, sei die wichtigste Aufgabe der Politik. Aber, und so kommt Grundl zu den Grünen: "Klimapolitik ist auch Sozialpolitik." Wenn die Donau in Straubing Hochwasser habe, könnten die Reichen sich die Folgen leisten, aber nicht alle anderen. Und auch die Kultur - Grundl ist kulturpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion - habe mit Klimaschutz zu tun und nennt als Beispiele den ökologischen Fußabdruck der Filmindustrie und den vielen Müll, der bei Konzerten anfällt.

Hart ins Gericht geht Grundl mit der AfD. "Haltet zusammen!", ruft er den gut 60 Zuhören im "Augustiner am Wörthsee" zu, eine weitere Spaltung der Gesellschaft dürfe es nicht geben. Die Grünen müssten alles daran setzen, "dass die bei euch nichts zu sagen haben". Und auch auf die in der CSU, "die immer nach rechts schielen, müssen wir total aufpassen". Die Grünen seien mittlerweile der Stabilitätsanker der Republik - und die Zeit sei reif für Schwarz-Grün. "Die Leute wollen, dass wir handeln und Verantwortung übernehmen", sagt Grundl.

Das will auch Martina Neubauer, die der Wörthseer grüne Bürgermeisterkandidat Florian Tyroller gleich als "unsere neue Landrätin" begrüßt und die als Starnberger Fastenpredigerin auftritt. Es sei nicht die Zeit, für persönliche Angriffe, "sondern wir brauchen den Diskurs und die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts", schickt sie voraus. Sie begrüßt Grundl in einem Landkreis, der schön, aber teuer sei, in dem tolle Konzepte zur Mobilität in den Schubladen schlummerten, in dem Maßnahmenkataloge für den Klimaschutz verabschiedet würden und "gleichzeitig riesige Gewerbegebiete auf der grünen Wiese, im Bannwald, Landschaftsschutz- und Wasserschutzgebieten realisiert werden sollen". Und das, obwohl im Landkreis Vollbeschäftigung und Fachkräftemangel herrsche und heute schon niemand wisse, wie bezahlbares Wohnen hinzubekommen sei, wie die Mobilitätswende geschaffen und die erforderliche Infrastruktur bewältigt werden solle.

Nun versuche die AfD, auch im Landkreis Starnberg Fuß zufassen, sagt die grüne Landratskandidatin. "Unsere Demokratie wird angegriffen durch eine Partei, die mit ihrer Diktion und ihrem Programm verantwortlich dafür ist, dass Menschen, die sich für unsere Demokratie engagieren, verängstigt sind, dass Jüdinnen und Juden, dass Musliminnen und Muslime, dass Menschen mit Migrationsgeschichte sich nicht mehr sicher fühlen." Neubauer: "Dass dürfen wir nicht zulassen." Jetzt sei keine pragmatische, ausgleichende Politik gefragt, "hier erwarte ich von allen Demokratinnen und Demokraten klare Worte und eine klare Haltung". Ja, des braucht's.

© SZ vom 28.02.2020
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