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Oper in Pöcking:"Rheingold" aus Pappe

Vereinfachte Version von Wagners Werk hat im Beccult Premiere

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Pöcking

Wagner-Opern sind nicht jedermanns Sache, Kindern dürften allein schon Konzentrationsprobleme haben, weil die Stücke so lange dauern. Der Pöckinger Pianist, Organist und Dirigent Norbert Groh ist da anderer Ansicht. "Rheingold", das kürzeste der vier Werke aus Wagners "Ring des Nibelungen", hat für den Musiker alles, was zu einem Märchen gehört und die Phantasie der Kinder anregt: Liebe, Lust und Leidenschaft, Neid und Missgunst, Raub, Mord und Totschlag, dazu ein Kampf um einen Goldschatz und einen Ring, der dem Träger unendliche Macht verleiht, aber verflucht ist.

Zusammen mit Regisseurin Doris Heinrichsen, die ebenso wie Groh an der Musikhochschule in München unterrichtet, hat er Rheingold vereinfacht und von 2,5 Stunden auf eine Stunde gekürzt. Im Rahmen eines Education Projekts setzt er mit seinen Studenten das Werk für "Kinder und Junggebliebene von 4 bis 99 Jahren" um. Unter dem Motto "Opernbus" oder "Oper mobil" wird das Werk in verschiedenen Städten aufgeführt. Wegen Corona mussten einige Auftritte abgesagt werden, sodass "Rheingold" nun im Pöckinger Beccult Premiere hatte.

Oper für Kinder spielt 'Rheintöchter'

Unter dem Motto "Opernbus" oder "Oper mobil" wird das Werk in verschiedenen Städten aufgeführt.

(Foto: Fotos: Franz Xaver Fuchs)

Wie Organisator Stephan Reiß berichtete, hatten einige Besucher einen echten Bus vor dem Kulturhaus erwartet. Doch die Bezeichnung "Opernbus" ist laut Groh nur ein Synonym dafür, dass Oper auch beweglich sein kann. Durch die Mobilität wolle man einem Publikum den Opernbesuch ermöglichen, das sonst keine Möglichkeit dazu habe. Einen schönen Bühnenvorhang und Kulissen brauchte es nicht. Die Goldbarren waren aus Pappe, die Götterburg Walhall wurde als Foto an die Wand projiziert. Und die Fahrt von Wotan (Christian Beutel) zum Zwerg Alberich (Jakob Schad) in die Unterwelt wurde musikalisch begleitet durch Schlagen auf Kochtöpfe oder Pfannen. Die meisten Kostüme waren einfach, ob von Freia (Sol Lee), Fricka (Julia Pfänder) oder der Urmutter Erda (Freya Apffelstaedt), von Wotan, dem Götterboten Loge (Markus Brandmair, "ich bin ein Götterreporter") oder den Rheintöchtern (Susanne Kapfer, Laure Cazin und Franziska Bader). Lediglich die Riesen (David Franzen und Manuel Winckhler) fielen auf mit ihren Emoji-Masken und Alberich mit seinem schwarzen Ledermantel. Die Studenten beeindruckten stattdessen mit hervorragenden Stimmen und routiniertem Auftreten.

Norbert Groh hat als Chorleiter und Organist der Pöckinger Kirchengemeinde Sankt Pius einen Heimvorteil. Er ist bekannt für die hohe Qualität seiner musikalischen Darbietungen, was er am Klavier ("ich bin das Orchester") eindrucksvoll unter Beweis stellte. Eineinhalb Jahre habe man keine Auftritte mehr vor Publikum gehabt, erklärte Regisseurin Heinrichsen. Daher sei man zwar aufgeregt, aber dennoch sei das "ein sehr, sehr bewegender Moment".

Oper für Kinder spielt 'Rheintöchter'

Riesig groß und riesig schlecht gelaunt: Ein Szenenbild aus der verkürzten Rheingold-Fassung mit den Darstellern von Fasolt und Fafner.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Auch in Pöcking gab es wegen der Pandemie lange Zeit keine Kultur mehr. Der Andrang zu der Opernvorstellung, die zum Pöckinger Kulturmontag kostenlos angeboten wurde, war daher entsprechend groß. Wegen der Hygienevorschriften konnten aber nur knapp 100 Besucher eingelassen werden. Der einzige Wermutstropfen: Im Publikum waren nur sehr wenige Kinder. Doch die, die gekommen waren, wurden schnell von der Geschichte in den Bann gezogen, angeschmiegt an ihre Eltern hörten sie andächtig zu. Das hohe musikalische Niveau machte Spaß, schon nach wenigen Minuten war vergessen, dass das Rheingold aus Pappe ist. Am Ende gab es begeisterten, wohlverdienten Applaus.

© SZ vom 05.06.2021
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