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Nepomuk:Weltstar im Rathaus

Die Jahresempfänge des Herrschinger Bürgermeisters sind immer eine Riesenshow. Jetzt bekommt Christian Schiller die Chance seines Lebens

Kolumne von Eurem Nepomuk

Letztens hat schon wieder einer angerufen und gefragt. Das passiert zuletzt immer öfter und ehrlich gesagt: Mir langt's! Noch wie der geredet hat, hat mein Herz zum Rasen angefangen, gezittert hab ich - das war kein Spaß. Dabei ist dem guten Mann gar kein Vorwurf zu machen, er wollte mich ja nur einladen. Allerdings als Referent, "Sie haben schließlich so viel zu erzählen!", schwärmte er. Doch allein bei dem Gedanken, auf einer Bühne stehen zu müssen, haut's mir alle Sicherungen raus. Panik pur, Angstschweiß, das volle Programm. Ich hab dann einfach ganz schnell aufgelegt. Hinterher ist mir eingefallen: Ich hätt' ihm die Nummer von meinem Freund geben sollen, dem Schiller Christian.

Der liebt ja sowas! Wie der immer seine Jahresempfänge abhält, Wahnsinn! Das ist jedes Mal eine Riesenshow mit echten Promis und der Christian mittendrin: moderiert, gratuliert, witzelt, komplimentiert. Der Typ ist einfach wie gemacht für die Bühne, sowas soll's ja geben. Des Dumme ist nur, dass er in echt Bürgermeister ist. Große Auftritte sind da eher selten. Klar, der hat öffentliche Termine bei Veranstaltungen und gratuliert zu runden Geburtstagen - aber das richtig große Publikum hat er im Alltag nicht. Noch nicht.

Ich sag' nur Internet. In Herrsching haben sie am Montag einen Testlauf gemacht für die Bürgerversammlung und die Gemeinderatssitzung in ein paar Wohnzimmer von Verwaltungsmitarbeitern übertragen. Hat sogar geklappt. Jetzt ist der Christian noch im Urlaub, aber wenn der zurückkommt und hört, dass er jetzt womöglich mehrere Liveauftritte hat - der wird sein Glück kaum fassen können. Tausende Herrschinger werden seine Sitzungsleitung verfolgen können, ja womöglich die ganze Welt! Klar, da ist noch Luft nach oben, was den Unterhaltungswert betrifft. Aber ich persönlich trau' dem Herrschinger im Allgemeinen viel zu und dem Christian ganz besonders. Weil mal ganz ehrlich: Bürgermeister und Influencer - soweit ist das nicht auseinander. Er könnte beispielsweise den Sitzungssaal passend zu den Themen auf der Tagesordnung dekorieren (mal mit Volleybällen, mal mit Mückenlarven), dem Gremium ausgefallene Snacks servieren, Witzduelle für die Pausen arrangieren und mit seinen Kostümen glänzen. Ich hol' mir dann eine Autogrammkarte, wenn er berühmt ist. Oder werde sein Manager, überlegt noch

© SZ vom 26.09.2020

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