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Starnberg im Nationalsozialismus:Die vergessene Widerstandskämpferin

Johanna Solf verhalf politisch Verfolgten zur Flucht in die Schweiz. Ein Starnberger Arzt entdeckt ihr völlig überwuchertes Grab und schaltet den Stadtrat ein.

Efeu und Unkraut überwuchern fast komplett das Grab, das Herbert und Brigitte Kappauf nahe dem großen Mittelkreuz auf dem Hanfelder Friedhof bei ihren Spaziergängen hinunter nach Starnberg ins Auge fällt. Im vergangenen Sommer finden sie am Grabstein ein Schild mit dem Aufruf der Stadt vor, Angehörige mögen bitte das Grab pflegen. Nachdem sich niemand zu kümmern scheint, zögern Kappaufs nicht lang, richten die Grabstelle her, pflanzen ein paar Blumen. Und finden im Internet heraus, wer da in dem recht unscheinbaren Einzelgrab bestattet ist: Johanna Solf, eine bedeutende Angehörige des deutschen Widerstandes in der NS-Zeit, die nach einer Denunziation in mehreren KZs interniert war und 1954 in Starnberg gestorben ist.

In ihren letzten Jahren am Starnberger See blickt sie auf ein bewegtes Leben zurück. Am 14. November 1887 in Neuenhagen bei Berlin geboren, heiratete die Tochter eines Gutsbesitzers 1908 den damaligen kaiserlichen Gouverneur von Samoa und späteren Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Wilhelm Solf. Sie begleitete ihren Mann nach Japan, als er von 1920 bis 1926 Botschafter in Tokio war. Die Familie mit vier Kindern lebte auch in Indien, Deutsch-Ostafrika und England. Mit dabei Martha Richter, die 1911 als Kammerjungfer und Kindermädchen zu den Solfs kam. Sie begleitete Johanna Solf Zeit ihres Lebens, auch in dunklen Stunden.

Starnberg Hanna Solf

Johanna Solf, die Nazi-Verfolgten half und selbst eingesperrt wurde, ließ sich nach Kriegsende in Starnberg nieder.

(Foto: Stadtarchiv, Bietigheim-Bissingen)

Die Aufenthalte in den verschiedenen Ländern und Kulturen prägten Johanna Solf und ihren Mann nachhaltig. Sie selbst verstand sich nicht nur als seine Ehefrau, sondern auch als Mitstreiterin im Kampf für Humanität, Recht und Frieden. Bereits in den 1920er-Jahren gründete Wilhelm Solf einen Club, in dem sich Anhänger unterschiedlicher politischer Richtungen austauschen konnten. Das Paar war überzeugt, dass das Voraussetzung sei für eine freiheitliche und soziale Gesellschaft. Nach dem Tod ihres Mannes 1936 rief die Witwe den Solf-Kreis ins Leben.

Eine besondere Rolle spielte dort Maria Gräfin von Maltzan. Mit deren Hilfe gelang es Johanna Solf, einigen von den Nationalsozialisten Verfolgten den sicheren Weg in die Schweiz zu ermöglichen. Dazu besorgte Johanna Solf falsche Pässe. Und Maria von Maltzan, eine ausdauernde Schwimmerin, schwamm mit den Flüchtlingen durch den Bodensee. Solf hatte unter anderem für Fluchtaktionen ein Haus in Garmisch-Partenkirchen gekauft. Dort wohnte ihre Schwester Elisabeth Dotti. Johanna Solf kam dort unter, nachdem sie 1943 in Berlin total ausgebombt worden war.

Starnberg Martha Richter

Als Frau eines Diplomaten lernte sie zahlreiche Länder kennen, das Dienstmädchen Martha Richter begleitete sie auch nach Japan.

(Foto: Stadtarchiv Bietigheim-Bissingen/oh)

Der Solf-Kreis wurde gesprengt, nachdem ein Spitzel auf die Regimegegner angesetzt worden war. Am 12. Januar 1944 verhaftete die Gestapo im Garmischer Haus Johanna Solf, ihre älteste Tochter Lagi von Ballestrem, Elisabeth Dotti und Martha Richter. Während die beiden letzteren bald freigelassen wurden, machten Solf und ihre Tochter ein Martyrium in mehreren Gefängnissen, im KZ Sachsenhausen und Ravensbrück durch. Obwohl Johanna Solf gefoltert und beinahe jeden Tag verhört wurde, verriet sie keines der Kreis-Mitglieder. Einer mutmaßlichen Verurteilung zum Tode entgingen Mutter und Tochter nur, weil Roland Freisler wenige Tage vor dem Verhandlungstermin bei einem Luftangriff in Berlin zu Tode kam. Ernst Ludwig Heuss, dem Sohn des späteren Bundespräsidenten, gelang es schließlich in den letzten Kriegstagen, Beamte des Justizministeriums zu überreden, Entlassscheine für Solf und ihre Tochter auszustellen. 70 Angehörige des Solf-Kreies waren zwischenzeitlich Rollkommandos zum Opfer gefallen. Johanna Solf selbst wog nur noch 42 Kilogramm. Nach Kriegsende sagte sie bei den Nürnberger Prozessen als Zeugin aus.

Starnberg: Herbert Kappauf kümmert sich um das Grab der Widerständerin Johanna Solf

Der Starnberger Arzt Herbert Kappauf wurde auf das zugewucherte Grab der Widerstandskämpferin aufmerksam und richtete es wieder her.

(Foto: Nila Thiel)

Bis zu ihrem Tod 1954 lebte Johanna Solf zurückgezogen am Starnberger See, unterstützt von Martha Richter. Danach lebte das Dienstmädchen mit Elisabeth Dotti in Starnberg. Dotti und Richter sind im selben Grab bestattet wie Johanna Solf. Ob Wilhelm Solf dort ruht oder in Berlin auf dem Invalidenfriedhof, ist unklar. Womöglich wurde nur sein Name auf dem Grabstein angebracht.

Den Zustand des Grabes empfand Herbert Kappauf, der als Mediziner lang eine Praxis in Starnberg betrieb, als beschämend und hakte bei Grünen-Stadtrat Franz Sengl nach. Auf dessen Anregung hin beschloss der Stadtrat, die Ruhestätte unbefristet als eines von 21 Ehrengräbern zu übernehmen. Von Frühjahr an soll das Grab bepflanzt werden und eine Tafel auf Solf als Widerstandskämpferin hinweisen. Bürgermeisterin Eva John hält sogar die Benennung einer Straße für "sehr überlegenswert". Als Kappauf das hört, freut er sich über die späte Würdigung: "Das ist, was wir uns vorgestellt haben."

Diplomaten und Adelige

Johanna Solf rief in ihrer Berliner Wohnung in der Alsenstraße den Solf-Kreis ins Leben, bei dem sich teils liberale, teils konservative Gegner des nationalsozialistischen Regimes austauschten. Der Solf-Kreis leistete keinen aktiven Widerstand in Form eines geplanten oder versuchten Umsturzes. Er stand aber in Kontakt zu anderen Oppositionsgruppen in Wehrmacht und Auswärtigem Amt. Darüber hinaus gab es Verbindungen zur kommunistischen Uhrig-Römer-Gruppe und dem Kreisauer Kreis. Zum Solf-Kreis gehörten Diplomaten des Auswärtigen Amts wie Albrecht Graf von Bernstorff und Adelige wie Hannah von Bredow, Enkelin von Otto von Bismarck. 1941 stattete der japanische Außenminister dem Kreis einen Besuch ab, was einem Affront gegen Roland Freisler gleichkam. Der Präsident des Volksgerichtshofs ließ damals schon Solf beobachten. manu

© SZ vom 18.02.2020
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