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Musik :Euphorisierendes Heimspiel

Tutzing Roncalli Haus: Duo Fantasia

Mal verträumt, mal kraftvoll: Das Duo Fantasia - bestehend aus Julia Ito und Utum Yang - verzaubert das Publikum im Tutzinger Roncallihaus

(Foto: Nila Thiel)

Die Pianistin Julia Ito und der Flötist Utum Yang sind in ihrer Wahlheimat Publikumsmagnete

Die Tutzinger haben die beiden vor wenigen Jahren zugezogenen Musiker recht schnell in ihr Herz geschlossen. Nachdem sie ihren letzten Schliff in Meisterklassen der Münchner Musikhochschule bekommen haben, blieben sie zusammen in Bayern. Die in Düsseldorf geborene Japanerin Julia Ito (Klavier) und ihr südkoreanischer Ehemann Utum Yang (Flöte) sind in ihrer Wahlheimat inzwischen Publikumsmagnete. Dass sich der Saal im Roncallihaus gut gefüllt hat, lag auch daran, dass sie als Duo Fantasia vor einem Jahr ihren ersten Auftritt in diesem Haus zu einem bleibenden Erlebnis machen konnten.

Für das Duo Fantasia ist der Name Programm. So kommen ausgefallene, sorgfältig konzipierte Programme zustande. Nun nach letztjährigem "Düfte" dieses zum Thema "Wasser". Und wenn es musikalisch um das flüssige Element geht, so darf Händels Wassermusik nicht fehlen. Da der Komponist es für Bläser und Streicher konzipiert hatte, ist die Übertragung der Suite Nr. 1 auf diese Duobesetzung gut möglich - und nah am Charakter des Originals. Das Ensemble verlieh dem Kontrastprogramm in der Dramaturgie barocke Klarheit, was in der instrumentalen Reduktion zugleich neben dem konzertanten Flöteneinsatz eine Hinwendung zu feinsinnigen kammermusikalischen Qualitäten bedeutete. In der schlanken Spielweise war Händel an jedem Ton zu erkennen, auch wenn sich das Ausdrucksspektrum der einzelnen Tänze enorm weitete. Von getragener Feierlichkeit und lyrischer Verträumtheit über tänzerische Leichtfüßigkeit bis hin zu kraftvoller Virtuosität ließ das Duo nicht die Gelegenheit aus, für jeden Satz eine passgenaue Charaktervariante zu kreieren.

Eine so farbenreiche Formensprache konnte das Duo noch einmal in der Undine-Sonate e-Moll op. 167 von Carl Reinecke zur Anwendung bringen. Mit diesem Originalwerk für Flöte und Klavier schenkte Reinecke den Flötisten nachträglich ein Werk, das kein Komponist der Romantik hinterlassen hat. Als legitimer Erbe der Romantiker der Leipziger Schule beherrschte er die harmonische Finesse wie die Ausbildung melodischer Formen der Epoche aus dem Effeff. Ito und Yang setzten die ereignisreiche Dramaturgie dieser vier Sätze mit einem suggestiv-erzählerischen Impetus um, der bisweilen gar ins Legendenhafte hineinreichte. Die Sonatenform bekam so eher eine theatralische Ausdruckskraft, die in vier Akten eine fesselnde Geschichte zu inszenieren vermochte. Ganz im Sinne des Komponisten, der ja mit der Sonate zugleich de la Motte-Fouqués Märchen "Undine" von 1811 musikalisch abzubilden gedachte. Am Ende des 19. Jahrhundert stand Reinecke allerdings auch das Virtuosentum der vergangenen Epoche zur Verfügung, vom Duo Fantasia mit spieltechnischer Bravour und nahezu impressionistischer Leichtigkeit gemeistert.

Mit dem Thema Wasser beschäftigen sich viele Lieder, mit und ohne Worte. Gegenüber der Kammermusik im gleichwertigen Duospiel ist die Kombination aus Begleitstimme und Melodie ein anderes Konzept. Die Bildung von beredsamen Phrasen vermochte Yang mit empfindsamer Sinnlichkeit über die einfühlsam unterlegte Pianistik Itos sachte emporzuheben, ohne der Versuchung konzertanter Dominanz zu erliegen. Brahmsens "Auf dem See" op. 52 wie "Regenlied" op. 59/3 entwickelten so ihren Ausdruck mehr in Seelentiefe denn an einer etwaigen Glanzoberfläche. Mit diesem Zugriff ging auch Julia Ito an die Werke für Klavier solo. Das lyrisch-sentimentale Lied ohne Worte "Gondellied" op. 30/6 von Mendelssohn erklang daher in introvertiert sinnierender Transparenz. Für Chopin wäre dieser Ansatz ohne den charakteristischen Glanzschimmer nicht ganz adäquat. Der ist aber in der Barcarolle op. 60 tatsächlich nicht angelegt. Nur an den fulminanten Stellen ließ Ito die Zügel entsprechend locker, um ein solches Kolorit wie eine Vision aufscheinen zu lassen. Eine sehr feinsinnige Interpretation, wie sie auch bei Scriabin in dessen Sonate gis-Moll op. 19 in ähnlicher Weise beeindrucken sollten. Die unterschwellige Erregung darin war gut dafür geeignet im Konzert auf die Zielgrade einzubiegen. Für die hielt das Duo "Karneval von Venedig" op. 77 von Giulio Briccialdi parat, ein bravourös-virtuoses Paradestück mit schmissigen Variationen über die berühmte neapolitanische Melodie, die wir als das Lied "Mein Hut, der hat drei Ecken" kennen. Ein mitreißendes Finale.

© SZ vom 21.01.2020

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