Kultur in der Coronakrise:Das Gespür für den richtigen Abstand

Gauting,  Bosco 15 Jahre

Die Bosco-Leiterin Amelie Krause beim Jubiläumsfest in der vergangenen Woche: Sie führt den Kulturbetrieb durch schwierige Zeiten.

(Foto: Georgine Treybal)

Veranstalter brauchen derzeit besonders viel Fingerspitzengefühl. Zum Beispiel im Gautinger Bosco

Von Michael Berzl, Gauting

Das Publikum bei Klassikkonzerten ist überwiegend gegen eine Corona-Infektion geimpft. Zu Kabarett-Veranstaltungen dagegen kommen offenbar mehr Ungeimpfte ins Gautinger Bosco, die nach der 3G-Regel dann noch einen Test brauchen. Diesen Eindruck haben jedenfalls Mitarbeiterinnen bei der Kontrolle am Einlass gewonnen, wie die Bosco-Leiterin Amelie Krause berichtet. Wenn der Eindruck stimmt, zeigt das, dass sogar je nach kulturellen Vorlieben der Umgang mit Corona unterschiedlich ausfallen kann. Für Veranstalter bedeutet das: Sie brauchen gerade besonders viel Fingerspitzengefühl, um ihr Publikum richtig einzuschätzen. "Von Normalität oder Planungssicherheit keine Spur", lautet Krauses Fazit.

2G oder 3G plus? Nur Geimpften oder Genesenen den Zutritt gewähren oder auch mit PCR-Test? Lieber mit Abstand und mit weniger Stühlen im Saal oder mit Maske und dafür möglicherweise ein volles Haus? Das sind die Alternativen. Erlaubt wären verschiedene Varianten. "Wir sind an dem Punkt, wo wir es nicht mehr allen recht machen können", sagte sie.

Und dann spielt noch das Geld eine Rolle. Bei einem voll bestuhlten Saal gäbe es möglicherweise mehr Einnahmen, dafür aber keinen Ausgleich vom Bund für den Ausfall beim Eintrittsgeld. Dabei ist nicht einmal sicher, wie hoch diese Wirtschaftlichkeitshilfe ausfällt. Und vielleicht wollen die Besucher noch gar nicht so eng beieinander sitzen, wenn die Sieben-Tage-Inzidenz wieder einmal steigt. Eine große Zurückhaltung beim Publikum mache sich immer noch bemerkbar, schilderte Amelie Krause am Dienstag dem Gemeinderat: "Wo man sich auch umhört, es überall der gleiche Tenor: Die Leute bleiben aus", sagte sie der SZ.

Bisher ist der große Saal bei der Veranstaltungen im Bosco locker bestuhlt. Bis zu 300 Besucher hätten dort Platz, derzeit kann aber nur etwa ein Drittel kommen. Dafür dann ohne Maske. Und so bleibt die Praxis vorerst bis zum Ende dieses Jahres; dann wird neu entschieden So wird das zum Beispiel beim Jazz-Konzert mit dem Trompeter Leroy Jones aus New Orleans an diesem Donnerstagabend gehandhabt. Es ist ausverkauft. Bei den Kinder-Konzerten mit Heinrich Klug und den Münchner Philharmonikern am Wochenende gibt es zwei Auftritte hintereinander am Samstagnachmittag. Auch das ist eine durch die Corona-Regeln bedingte Notlösung.

Normal ist im Kulturbetrieb seit März vergangenen Jahres nichts mehr. Da war ein Ensemble schon auf der Autobahn nach Gauting unterwegs, als von einem Tag auf den anderen alles abgesagt werden musste. "Dann hat der große Verschiebezirkus angefangen. Das Jahr war geprägt von wahnsinnig vielen Absagen", berichtete Amelie Krause. Allein beim Theaterforum, das etwa zwei Drittel der Veranstaltungen anbietet, seien 60 Prozent der Termine ausgefallen; insgesamt etwa 100 Veranstaltungen seien abgesagt worden. Auch bei den Abo-Reihen musste gekürzt werden Vom vergangenen November bis zum Mai dieses Jahres war das Haus für die Öffentlichkeit wieder geschlossen. Im vergangenen Jahr wurden 9000 Besucher gezählt, zuvor waren es bis zu 27 000.

Bis Ende dieses Jahres gewährt die Gemeinde bei Kulturveranstaltungen einen Nachlass von 30 Prozent für die Saalmiete, weil durch die Abstandsregelung nur deutlich weniger Einnahmen zu erzielen sind. Diese Regelung läuft Ende Dezember aus. Im nächsten Jahr wird von September an di e Miete um fünf Prozent angehoben. Beides hat der Gemeinderat am Dienstag einstimmig beschlossen. Beim Theaterforum hatte man damit schon gerechnet, denn die Entscheidung für eine schrittweise Erhöhung war schon früher gefallen. Demnach müssen Gautinger Schulen, Vereine und gemeinnützige Organisationen künftig 210 Euro pro Tag für den großen Saal bezahlen: das sind zehn Euro mehr als bisher. Ob und wie sich das beim Theaterforum auf die Kartenpreise auswirkt ist noch offen.

Angesichtes der vielen Unwägbarkeiten bei den Corona-Regeln, bei finanziellen Hilfen und bei dem Verhalten der Veranstaltungsbesucher und des immensen Mehraufwands sagte Amelie Krause: "Wir müssen halt hoffen, dass uns nicht die Puste ausgeht. Aber wir sind relativ zäh." Ihren Vortrag quittierte der Gemeinderat mit Applaus.

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