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Konzert in Gauting:Mendelssohn für Entdecker

Lieder ohne Worte mit mystischem Zauber: Edgar Moreau am Violoncello und David Kadouch (Klavier) spielen Werke von Mendelssohn und Bruch.

(Foto: Arlet Ulfers)

Edgar Moreau und David Kadouch suchen im Bosco nach den jüdischen Wurzeln des Komponisten

Von Reinhard Palmer, Gauting

Frankreich brachte schon immer großartige Musiker hervor - aber so stark wie in den vergangenen 20 Jahren waren die Grande Nation wohl nie zuvor in der Weltelite vertreten. Auch der gerade mal 26-jährige Cellist Edgar Moreau heimste schon einige Preise und Auszeichnungen ein, mit 17 gewann er sogar den Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau. Ähnlich schaut die Vita des neun Jahre älteren Pianisten David Kadouch aus, der schon für Größen wie Murray Perahia und Lang Lang eingesprungen ist. Kurzum: Eine bessere Wahl konnte das Klassikforum im bosco kaum treffen, um nach der langen Corona-Pause wieder durchzustarten. Mit der vorgeschriebenen, begrenzten Zahl an Zuhörern und der lockeren Sitzordnung war die Akustik zwar nicht optimal, doch das kulturell ausgehungerte Publikum ließ sich den Abend nicht verderben.

Auch im Repertoire sollte es so richtig in die Vollen gehen. Vor allem dank Mendelssohns Cellosonaten wurde das Publikum bestens mit bravouröser Virtuosität, aber auch höchster Musikalität versorgt, zumal Moreau und Kadouch mit spieltechnisch reich differenzierter Klangsubstanz zur Sache gingen. Für Mendelssohn gehörte Kammermusik mit Klavier zur "Claviermusik", die er "die rechte Kammermusik" nannte und mit halsbrecherischem Klavierparts versah. So konnte er sich als genialer Pianist mit eigenen Werken als Interpret profilieren. Bei Mendelssohns zuhause übernahm sein Bruder Paul den Cellopart: ein Bankier, der vortrefflich sein Stradivari-Cello spielte. Doch im Bosco verfolgten die beiden Franzosen mit ihrem speziellen Programm eher eine inhaltliche Idee. Mit "Kol Nidrei", einem Adagio nach hebräischen Melodien von Max Bruch sowie "Prayer" aus der Suite "From Jewish Life" von Ernest Bloch als Zugabe lag der Fokus auf jüdischer Musik, die es wohl bei Mendelssohn, dem protestantisch getauften Juden, noch aufzudecken gilt. Auch wenn sich der Komponist zeitlebens mit der jüdischen Kultur auseinandersetzte, finden sich in seinem musikalischen Werk davon kaum Spuren. Die Programmkonzeption von Moreau und Kadouch schien darauf angelegt, dies zu hinterfragen. Ein berechtigter Gedanke, dem bis dato kaum jemand nachging - und ein spannendes Vorhaben.

Kompositionstechnisch eher an Bach und die Wiener Klassik angelehnt lieferten die beiden Cellosonaten auf den ersten Blick nicht das geeignete Material. Doch das Duo wurde im leidenschaftlich-inbrünstigen Gesang des Cellos fündig, hinter den sich das Piano zurückzog. Kadouch tat dies mit meisterhafter spieltechnischer Differenzierung, die trotz des dichten Klaviersatzes stets leicht und meist non legato für perlende Frische sorgte. So brachte das Duo eine Spannung in die Interpretationen, die auf dem Kontrast zwischen schlankem Klavier und dem dichten, substanzvollen Cellogesang basierte. Eben in der Art, wie es Bruch in "Kol Nidrei" mit sakral-inbrünstiger Ausdruckskraft kompositorisch angelegt hatte.

Insgesamt betrachtet stellten sich weit mehr Fragen, als im Konzert beantwortet wurden. Etwa nach der Herkunft von Mendelssohns Idee der Lieder ohne Worte, die auch in den Cellosonaten immer wieder für weite Spannungsbögen sorgten und in ihrer ernsten Charakteristik von Moreau mit expressivem Nachdruck formschön dargeboten wurden. Oder im wehmütigen Andante-Intermezzo der ersten Sonate; vor allem aber im feierlich-sakral ausgebreiteten Adagio des Opus 58, das Kadouch nun gewichtiger mit dem imitierten Orgelchoral eröffnete. Das hatte eine Ambivalenz, die man auch im Elfenreigen des Allegretto scherzando erkennen konnte.

Lässt sich dieser geheimnisvolle, ja mystische Zauber als Klezmer in romantischer Harmonik betrachten? Moreau und Kadouch legten sich da zwar nicht fest, zumal die Präzision im Zusammenspiel einem möglichen musikantischen Impetus entgegenwirkte. Aber vom Tisch war das Thema deswegen nicht, zumal das Duo zur Einleitung des Schlusssatzes noch einmal den aufwühlenden Gesang bemühte, bevor man mit einem virtuosen Feuerwerk im Finale definitiv die Euphorie des Publikums entfachte.

© SZ vom 23.09.2020

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