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Konzert in Gauting:Geradezu schräg

Skurrile Texte: Sam Hylton, Benjamin Schäfer und Gerd Baumann (v.li.).

(Foto: Arlet Ulfers)

Gerd Baumann mit "Parade" im Bosco

Von Blanche Mamer, Gauting

Die Ankündigung liest sich wie der nahtlose Übergang vom Fünfseen-Filmfestival zur Spielzeit im Bosco. Mit den Musikern und Komponisten Klaus Doldinger und Mikis Theodorakis war Filmmusik ein großes Thema beim Kinofest. Und nun eine Woche später: das Eröffnungskonzert im Gautinger Kulturhaus mit dem Münchner Filmkomponisten Gerd Baumann, der mit seiner Musik die Filme von Markus H. Rosenmüller mitgeprägt hat und mit seiner Band Parade zu Gast ist.

Die Spielzeit eröffnen, sozusagen "zelebrieren" zu dürfen, findet er "extra schön". Baumann ist nicht das erste Mal in Gauting, ein Auftritt mit Dreiviertelblut vor drei Jahren ist ihm in bester Erinnerung. Mit dieser Aussage hat er das Publikum schon so gut wie in der Tasche. Doch die Bedingungen sind andere: Statt vor mehr als 300 Zuhörern zu spielen, tritt der Gitarrist und Sänger wegen der Corona-Auflagen vor nur etwa 70 Besuchern auf, die zu zweit und jeweils durch einen Bistrotisch von den Nachbarn getrennt sind. Was eine eigenartig verhaltene Stimmung schafft. Als erfahrener Frontmann auf der Bühne ist Baumann darauf vorbereitet. Er hat etliche schräge Anekdoten parat, die die Atmosphäre auflockern.

Schon wie er seine Band vorstellt, ist ein Kunststück für sich. Als Professor an der Münchner Hochschule für Musik hat er zwei seiner Musiker kennengelernt und gleich rekrutiert. Auf den Pianomann Sam Hylton sei er in der Kantine der Hochschule aufmerksam geworden. Es gab Gerüchte, da gebe es einen begnadeten Pianisten, der auch noch singen könne, tja, er habe ihn blind für das Singspiel am Nockherberg gebucht und die Entscheidung nie bereut. Flurin Mück wiederum, der Drummer, hat ihn als Student bei einem Livekonzert zu einem Micky-Maus-Stummfilm aus den 1920ern schwer beeindruckt und wurde rekrutiert. Bassgitarrist Ben Schäfer schließlich war bereits eine Berühmtheit in Jazzkreisen. "Ich fragte ihn, ob er bei Dreiviertelblut mitmachen wolle, er sagte nein, als ich ihn nochmal fragte, sagte er ok."

Baumann macht es dem Publikum leicht, fast könnte man sagen, er bezirzt es. Die Mischung aus bayrischer Volksmusik mit Weltmusik, Jazz, Blues, Folk, Country ist eine besondere. Dazu kommt die mal kratzige, mal weich soulige Stimme, mit der Baumann seine skurrilen Texte vorträgt. Diese schreibt er, wenn er sich gut fühlt, auf deutsch, wie er erzählt. Wenn er nicht so gut drauf ist, gelingen sie besser auf englisch. Zwischen den Songs, wie ein Running Gag, muss Baumann Gitarre stimmen. Er brauche einen Roadie, rät ihm ein Mann aus dem Publikum.

Dieser Band möchte man stundenlang zuhören, wenn sie live aus Filmen wie "Wer früher stirbt ist länger tot", "Sommer in Orange", "Beste Zeit" oder "Trautmann" spielt. Die Songs klingen ganz anders, als man sie in Erinnerung hat, nicht wie die Ohrwürmer, die auch mal ab und an im Radio zu hören sind. Da ist zum Beispiel die Ballade "Out of his mind", die Brigitte Hobmeier im Film für den Jungen singt. Im Konzert mit Parade klingt sie ganz anders, trifft aber auf besondere Weise. Oder "Banana Jack" aus "Sommer in Orange" ist genial. Doch es gibt auch Stücke, die nichts mit Kino zu tun haben. Ein Stück sei durch die Fridays-for-Future-Bewegung inspiriert, erzählt der Komponist, und den Song "Hey Baby" habe er bei einer Zugfahrt geschrieben. Er habe ja immer schon einen Text machen wollen, der mit "Hey Baby" beginnt. Es wurde ein schräges Lied, das vordergründig von Milch handelt, die überkocht, und so endet: "Wir kippen den Topf in den Kübel und malen uns Milch, malen uns Milch (kurzes Atemholen) auf Papier". Baumann sagt dazu: Das sei eine kryptische Liebesgeschichte, "zärtlich pornografisch".

Der Musiker kündigt das letzte Stück an, "Nowhere to be found", doch eines ist klar, es kann nicht Schuss sein, solange der Ohrwurm "Big-a-dog, big-a-bite" nicht dabei war. Und den gibt es dann auch als letzte Zugabe. Eine schön schräge Saisoneröffnung!

© SZ vom 19.09.2020

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